"Bankier Gottes": Tod wird neu untersucht

1. Oktober 2003, 19:03
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Mehr als 20 Jahre nach dem Tod des italienischen Bankiers Roberto Calvi hat die britische Polizei die Untersuchung des Falles wieder eröffnet

Calvi wurde 1982 unter der Blackfriars Bridge in London erhängt aufgefunden.

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Als Präsident der Banco Ambrosiano stand Roberto Calvi im Mittelpunkt des größten italienischen Bankenskandals seit dem Zweiten Weltkrieg. Als Todesursache wurde zunächst Selbstmord vermutet, doch tauchten sofort Zweifel auf.

Nach Angaben des britischen Fernsehens BBC wurde die Wiedereröffnung der Untersuchung beschlossen, nachdem die italienische Justiz im Juli vier Personen wegen schweren, vorsätzlichen Mordes angezeigt hatte. Ermittelt wird auch gegen die Klagenfurterin Manuela K.

Spur zur Mafia

"Ich kann bestätigen, dass wir aktiv zu Calvis Mord ermitteln", berichtete ein Sprecher der Londoner Polizei. Die Untersuchung werde in enger Zusammenarbeit mit den italienischen Behörden geführt. Die italienischen Ermittler gehen davon aus, dass die Mafia die Ermordung Calvis in Auftrag gab. Er habe zu viel ihres Geldes verloren und zu viel über ihre Operationen gewusst. Der Vatikan hielt einen erheblichen Anteil an der Ambrosiano-Bank, die nach dem Verschwinden von 1,14 Milliarden Euro zusammenbrach. Zu den Verdächtigen zählen der ehemalige Mafia-Boss Pippo Calo, der bereits eine lange Haftstrafe absitzt, sowie der zwielichtige Geschäftsmann Flavio Carboni und dessen damalige Freundin Manuela K. Diese war nach Angaben von Carbonis Rechtsanwalt Renato Borzone mit ihrem Freund nach London gegangen. Damals war sie 19 Jahre alt.

Der Bankrott der Banco Ambrosiano war der größte Bankenzusammenbruch in der italienischen Nachkriegsgeschichte, deren genaue Hintergründe bis heute im Dunkeln liegen. Immer wieder war von illegalen Geschäften sowie von Verstrickungen hoher Politiker die Rede. Calvi, bereits seit 1971 Präsident des Banco Ambrosiano, war 1981 wegen Korruption verurteilt worden, kam aber auf Kaution frei. Am 11. Juni 1982 verließ Calvi Italien mit einem Koffer voller Dokumente, angeblich belastenden Unterlagen über hohe italienische Politiker. Am 19. Juni wurde seine Leiche gefunden.

Im folgenden Juli wurde die Akte vorerst geschlossen, das Untersuchungsergebnis lautete auf Selbstmord. Ein Jahr später wurde aber ein weiteres Verfahren eröffnet, das im Oktober 2002 aufgrund forensischer Untersuchungen schloss, dass es sich beim Tod des "Bankiers Gottes" um Mord gehandelt haben dürfte.

Dann war auch aus Kreisen der italienischen Staatsanwaltschaft der Verdacht zu hören, Calvi könne das Opfer einer gemeinsamen Aktion der Mafia und der berüchtigten Geheimloge P2 ("Propaganda Due") geworden sein. Die Spur dieses Geheimbundes, dem angeblich auch der heutige Premier Silvio Berlusconi angehörte, zieht sich seit Mitte der 60er-Jahre durch fast alle Skandale, rechten Putschpläne, Bombenattentate und ungeklärten Morde in Italien. Chef der Loge war der "Marionettenspieler" Licio Gelli.

500 Millionen Euro Schulden

Mehrere Prozesse zur Bankenpleite endeten mit hohen Haftstrafen. Die Verwicklungen mit dem Vatikan wurden aber nie genau geklärt. Die Ambrosiano-Bank wurde mit Schulden in Höhe von über 500 Millionen Euro liquidiert.

Zu einer Wende im Fall kam es im Oktober 2002. Die Mailänder Behörden entdeckten in einem Tresor der Nuovo Banco Ambrosiano, der Nachfolgerin der Banco Ambrosiano, Dokumente Roberto Calvis und seiner Mutter Maria Rubini, die offenbar wichtige Informationen über die Hintergründe von Calvis Tod enthielten. (APA, red/DER STANDARD; Printausgabe, 1.10.2003)

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