Missbrauchsopfer wird Randfigur

1. Oktober 2003, 11:07
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Opferschutz-Tagung zeigt Verbesserungspotenziale auf

Bregenz - Das Gewaltschutzgesetz hat Verbesserungen für Opfer gebracht, der Opferschutz ist aber durchaus noch ausbaufähig. Darüber waren sich die Teilnehmenden der interdisziplinären Opferschutz-Fachtagung, die Anfang der Woche vom Institut für Sozialdienste in Bregenz veranstaltet wurde, einig.

Das Wegweisungsrecht der Exekutive und Betretungsverbot der (ehelichen) Wohnung durch den Täter und die Hilfe durch Expertinnen der Interventionsstellen haben für die Opfer familiärer Gewalt Erleichterungen gebracht. Verbesserungspotenziale wurden bei der Schulung der Exekutive aufgezeigt. Vor allem in ländlichen Gebieten neigten die BeamtInnen eher zur Streitschlichtung als zu der vom Gesetz eigentlich geforderten Intervention gegen einen Gewalttäter. In der Täterarbeit werde zu sehr auf die freiwillige Bereitschaft zur Therapie gesetzt. Der größte Veränderungsbedarf wurde jedoch in der Justiz gesehen.

Rolle der Zeugin

Der Menschenrechts- und Strafrechtsexperte Albin Dearing: "Hier tut grundsätzliches Umdenken Not." Im Gegensatz zur Sicherheitsbehörde, die, seit das Gewaltschutzgesetz gilt, den Sicherheitsanspruch des Opfers als erste Priorität hat, werde dem Opfer von der Justiz nur die Rolle der Zeugin zugedacht.

Dearing: "Da wird ein Vergewaltigungsopfer plötzlich zur Zeugin einer Vergewaltigung." Das Strafrecht, das nur die Durchsetzung des staatlichen Strafanspruchs bezwecke - "als wäre der Staat der Beleidigte" - müsse zu einer "menschenrechtlichen Sicht, die das Opfer zum Mittelpunkt hat", kommen.

Man müsse künftig "die Opfer mit ins Verfahren nehmen" und dürfe sie im Prozessgeschehen nicht weiter auf die Zeugenrolle reduzieren, forderte der langjährige Leiter des Präventionsbeirates im Innenministerium. (jub/DER STANDARD, Printausgabe 01.10.2003)

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