Falsches Sparen mit "Geburtenkeule"

3. Oktober 2003, 21:56
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Die Kinder- und Jugendärzte warnen davor, dass Kinderspitäler kaputtgespart werden - Der angebliche Geburtenrückgang finde derzeit nämlich nicht statt

Vielmehr müsse man qualitativ auf das deutliche Ansteigen der Zahl von Frühgeburten reagieren.

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Bei der Kinder- und Jugendheilkunde "gibt es Strukturdefizite in Österreich", prangerte Wilhelm Müller, Präsident des Vereins für Kinder- und Jugendheilkunde, am Dienstag in Wien an. So gebe es etwa immer noch keine anerkannten pädiatrischen Spezialisten. Auch die Ausbildung für Intensiv-Kinderkrankenschwestern wurde gestrichen. In der Steiermark sei es bereits generell praktisch unmöglich, eine Kinderkrankenschwester zu bekommen, berichtet Müller als Leiter der Uniklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Graz.

"Aber um das zu wissen, brauche ich kein Buch", spricht Müller das am Montag erschienene umstrittene Buch "Weggelegt - Kinder ohne Medizin?" (siehe dazu: Streit um Unheil- oder Heilkunde am AKH - Die Vorwürfe gegen die Kinderabteilung im AKH im Buch "Weggelegt" seien "völlig inakzeptabel", erklärt die Spitalsleitung) an. Er werde die im Buch genannten Zahlen sicher überprüfen - etwa, dass in zehn Jahren in Österreich rund 100 Kinder gestorben seien, weil sie keine Lebertransplantation erhielten. Oder dass 80 nicht überlebt hätten, weil ihre Herzoperation im Osten und nicht im besser ausgerüsteten Westen durchgeführt worden sei.

Grundsätzlich aber weist Müller "diese Verunsicherung von Eltern strikt zurück". Die STANDARD-Überschrift "Böses Zahlenspiel um kranke Kinder" sei für ihn daher "ein absolut treffender Titel".

"Crash" vor 25 Jahren
Bei der Jahrestagung der Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde, die ab Donnerstag in Salzburg stattfindet, wird Müller daher andere Zahlen präsentieren: jene, die aufzeigen sollen, wie kaputtgespart wird.

"Die Politiker rennen mit der Keule des Geburtenrückgangs herum - aber der Geburtencrash hat vor 25 Jahren stattgefunden." In den 60er-und 70er-Jahren war die Geburtenrate von knapp 135.000 auf unter 90.000 abgesackt. Seither stagniere die Zahl, "im ersten Halbjahr 2003 gab es sogar einen Zuwachs von zwei Prozent".

Trotzdem werde immer mit Bettenreduktion gedroht, "da gilt nur die Währungseinheit Bett, aber was das leisten soll, wird nicht berechnet", ärgert sich Müller. So werde etwa nicht bedacht, was mehr Frühgeburten für den Spitalsbetrieb bedeuten - seit 1978 stieg die Zahl der Frühgeborenen, die weniger als 1000 Gramm wiegen, um 84 Prozent.

Mütter am Boden

Als Chef der Grazer Uni-Klinik weiß Müller überdies: "Wenn man uns einen Durchschnittsbelag von 85 Prozent pro Bett vorschreibt, heißt das in der Realität, dass in Spitzenzeiten im Zweibettzimmer fünf Kinder sind und die Mütter am Boden schlafen müssen."

Auch aus dem niedergelassenen Bereich gibt es keine rosigen Nachrichten: "Die Krankenkasse will in Wien zwölf Kinderarztstellen ersatzlos streichen", ergänzt Erwin Pokorny, Fachgruppenobmann der Ärztekammer Wien. (frei/DER STANDARD; Printausgabe, 1.10.2003)

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