Menschenmuseum - ein Theater!

14. Oktober 2003, 10:18
posten

Erneut wartet das Kinder- und Jugendtheaterfestival "szene bunte wähne" im Waldviertel mit grandiosen Performances auf, die auch so manche "erwachsene" Veranstaltung schmücken würden

Horn/Wien -Was heißt hier Kindertheater? Auf der Straße vor dem Gasthaus zum Himmelreich (kein Scherz, das heißt wirklich so) in Horn im Waldviertel steht ein schwarzer Wagen, der offenbar einen Radfahrer niedergestoßen hat. Eine Führerin geleitet die Besucher weiter, in einen Park, zu einer kleinen Hütte, vor der ein junger Mann aufgeblasene Plastiksackerln auf eine Wäscheleine hängt. Auf der Hütte ein Schild: "Menschenmuseum".

Kinder-, Jugendtheater, oder was? Sehr schnell wird das Publikum in eine kafkaeske Tragikomödie verwickelt. Offenkundig ist es ein Sterbender, der da in weiterer Folge von zwei merkwürdigen Wärtern auf Erinnerungen hin untersucht wird, die dann ihrerseits wieder nachgespielt und archiviert werden. Wie war das, als sich der Bienenschwarm dem Radfahrer näherte und diesen vom Verkehr ablenkte? Eine Komödie. Ein Albtraum. Ein kleines Meisterwerk. Kinder- und Jugendtheater aus den Niederlanden, dargeboten von Het Lab van de Berenkuil beim mittlerweile 13. Festival "szene bunte wähne", das seit vergangenen Freitag in Horn läuft.

Wieder einmal ließ Intendant Stephan Rabl (der ab 2004 das Jugendtheaterhaus im Wiener MQ leitet) seine exzellenten Kontakte zur einschlägigen internationalen Szene spielen. Wieder einmal hat er ein Programm kompiliert, das gelassen mit denen "erwachsenerer" Veranstaltungen konkurrieren kann: Kleinodien mehr oder weniger experimenteller Natur, die die leidigen didaktischen Themenabende im Jugendbereich nachhaltig unterwandern.

Stimmengewirr

Da lädt man also in die Kulturparkhalle zu einem Turm zu Babel, einer Installation, in der einem Menschen in fremden Sprachen Märchen erzählen, derweilen man wortwörtlich im Bett liegt und zunehmend Vertrauen zum Anderen fasst. Oder man sieht im Theaterstadl in Zaingrub die italienische Produktion des Teatro dell'Angolo, Das gelobte Land - ein Theater der Cinemascope-Bildausschnitte, in dem ein großer Stein binnen 60 Minuten durch die Weltgeschichte geistert.

Bisher das absolute Highlight war aber My Long Journey Home, ein tragikomisches Furioso der Compagnie NIE: Vier junge Herren aus Tschechien, Norwegen, Polen und England spielen sich, oder richtiger, sie toben durch eine wahre Odyssee: Ein ungarischer Soldat war 53 Jahre lang in russischen Irrenhäusern festgehalten worden.

Virtuos halten Ladislav Frej, Thomás Mechacek, Kjell Moberg und David Pagan ein Tempo und einen schwarzen Humor durch, die an Monty Pythons Flying Circus erinnern. Gleichzeitig verblödeln sie das Unglück ihres Helden aber nie zur Gänze. Wenn dieser etwa anfängt, eine Kinderpuppe mit seiner Geliebten zu verwechseln, dann gerät zwar das Zwerchfell beträchtlich in Erschütterung, aber die Szene bricht einem nebenher auch das Herz.

"szene bunte wähne": Zweifelsohne eine der interessantesten Veranstaltungen in diesem Kulturherbst. Dennoch: Um ein wesentliches Problem kommt das Festival derzeit nicht herum - es schrammt ein wenig an seinem angestrebten Publikum vorbei. Hätte am vergangenen Wochenende nicht eine Tagung der Internationalen Vereinigung der Theater für Kinder und Jugendliche in Horn stattgefunden, wären die Auditorien wohl oft ziemlich leer geblieben. Und "szene bunte wähne" hatte so eher den Charakter einer Informationsveranstaltung für Pädagogen und Theatermacher.

Das sollte sich ändern: Am kommenden Wochenende, ab Freitagabend, wird in Horn noch einmal grandioses Theater aus aller Welt geboten, wie es gegenwärtig in den heimischen Jugendinstitutionen kaum jemals auch nur angedacht wird. Eine Empfehlung unter vielen: Die Vladimir Show, ein Talk von und mit Spielsachen im Ausgedinge - Puppentheater mit dem Schwung der Muppet-Show (am Freitag um 20 Uhr im zauberhaften Theaterstadl in Horn-Zaingrub). (Claus Philipp/DER STANDARD, Printausgabe, 01.10.2003)

Ein Shuttle-Service von Wien
nach Horn ist eingerichtet:
Die Busse fahren am
Schwedenplatz am Freitag um
14.30 bzw. am Samstag um
13.30 los.
Rückfahrmöglichkeiten werden organisiert;

Anmeldung und nähere
Infos zum Festival unter
Tel. (02982) 202 02

  • Jugendtheater - kein Kinderspaß, aber tragikomisch: "My long journey home"
der Theater-
gruppe NIE feierte
bei der
"szene bunte wähne" in Horn
Österreich-
Premiere.
    sbw

    Jugendtheater - kein Kinderspaß, aber tragikomisch: "My long journey home" der Theater- gruppe NIE feierte bei der "szene bunte wähne" in Horn Österreich- Premiere.

Share if you care.