Ein "Katastrophenszenario"

5. Oktober 2003, 21:34
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Der Ausgliederung der Bühnen Graz droht ein Debakel

Graz - Philippe Jordan, Chefdirigent der Grazer Oper, gab am Montag schriftlich bekannt, dass er seinen bis Ende August 2004 laufenden Vertrag nicht verlängern werde. Denn dem Grundsatzbeschluss von Anfang Juli, die Bühnen Graz mit 1. September 2004 als Holding ähnlich dem Bundestheaterverband zu führen, seien keine Taten gefolgt. Gegenüber der Kleinen Zeitung meinte er, den Politikern sei "nicht klar, wie sehr es brennt".

Dass Feuer am Dach ist, müssten die Politiker aber bereits wissen: Am 17. September informierte der Betriebsausschuss Landeshauptmann Waltraud Klasnic und Bürgermeister Siegfried Nagl (beide VP) über die Versäumnisse: "Wir müssen daher von völliger Planungs- Finanzierungs-, Leitungs- und Spielplanunsicherheit ausgehen. Es fehlen Dirigenten und Regisseure, weder künstlerisch noch technisch können die mehr als überfälligen Vorbereitungen getroffen werden." Schlicht: ein "Katastrophenszenario".

Denn bis jetzt ist z. B. völlig offen, mit welchen Zuschüssen die GmbHs rechnen können. Es gibt nur einen Vorschlag des Beraterunternehmens Infora: Von den zur Verfügung stehenden 30 Millionen Euro jährlich soll die Oper 63 Prozent erhalten, das Schauspiel 24,7 Prozent, das Jugendtheater Next Liberty 7,2 Prozent und die Holding 5,2 Prozent. Die Werkstätten- und Servicegesellschaft müsse von diesen mit 5,5 Millionen Euro finanziert werden. Da aber genaue Berechnungen fehlen, könne es noch zu gröberen Verschiebungen kommen.

Klarheit wird aber sobald nicht herrschen: Bis 10. Oktober soll bloß eine Diskussionsgrundlage erstellt sein. Roland Geyer, designierter Intendant ab September 2004, wartet daher ab - und dürfte kein gesteigertes Interesse verspüren, in Graz tätig zu werden. Zumal er nicht mehr auf Jordan bauen kann, der ihn als Opernchef gefordert hatte. Graz einen Korb zu geben täte sich Geyer leicht: Er hat bis dato nicht einmal einen Werkvertrag.

Die Politik wiederum ist auf ein Scheitern der Verhandlungen mit Geyer und Jordan nicht vorbereitet: Es gibt, wie der Betriebsausschuss kritisierte, keine "Alternativkonzepte". Jörg Koßdorff, interimistischer Intendant seit dem plötzlichen Abgang von Karen Stone im Sommer, drängt daher auf eine rasche Ausschreibung der Leitungsposten. (Thomas Trenkler/DER STANDARD, Printausgabe, 01.10.2003)

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