Antike Schätze erforschen, ohne sie zu zerstören

3. Oktober 2003, 21:27
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In Ephesos setzen Archäologen auf neueste Technologien

Selçuk/Wien - "Wenn wir aus unseren Quellen schöpfen, zerstören wir sie auch", beschreibt Professor Friedrich Krinzinger, Chef des Österreichischen Archäologischen Instituts und Ausgrabungsleiter in Ephesos, das Dilemma seiner Wissenschaft. Deshalb sei die Restauration der Funde, die auch neue Erkenntnisse bringe, so wichtig.

Im nahe der türkischen Stadt Izmir gelegenen Ephesos, der antiken Metropole Kleinasiens, sind die Ausgrabungen seit mehr als hundert Jahren in österreichischer Hand. Nun soll dort eine Restauratorenschule für Postgraduates entstehen, berichtete Krinzinger (63) vor wenigen Tagen neunzig Besuchern von der "Gesellschaft der Freunde von Ephesos", darunter zahlreichen Topmanagern unter der Führung von Siemens-Österreich-Chef Albert Hochleitner und Wissenschaftsministerin Elisabeth Gehrer.

Kein Geld für Artemis

Budgetmittel sind knapp, auch für das kulturhistorische Erbe. So sehr, dass eine vom Kunsthistorischen Museum (zu dem auch das Wiener Ephesos-Museum gehört) seit Jahren angekündigte Schau über das "Gold der Artemis" (ihr Tempel in Ephesos war eines der Sieben Weltwunder der Antike) auf "unbestimmte Zeit" verschoben worden ist.

In Ephesos setzt man deshalb stark auf private Förderer (viele Jahre war es vor allem die Firma Kallingerbau), mit deren Hilfe die Fassade der Celsusbibliothek aufgestellt und ein spektakulärer römischer Herrensitz (das "Hanghaus 2") nach Art des Münchner Olympiastadions mit Folien überdacht worden ist. Statt Mosaike und Malereien, wie in den vergangenen Jahrzehnten üblich, ins "Efes-Museum" im nahen Selçuk zu transferieren, können sie nun an Ort und Stelle restauriert und besichtigt werden.

An die zwei Millionen Besucher kommen pro Jahr nach Ephesos, das mit großen Namen von Krösus über Kleopatra bis zum Apostel Paulus verbunden wird. Im Sommer finden im Theater Freiluftkonzerte statt; bei einem Auftritt des britischen Rockstars Sting gab es am antiken Gemäuer allerdings Schäden. Deren Behebung zählt ebenso so den Aufgaben der österreichischen Ephesos-Hüter wie weitere Forschungen.

Untersuchung mit Hightechmethoden

Diese wenden sich nun, nach der Ausgrabung von Kult- und Prachtbauten in den zwischen zwei Hügeln am Ufer einer längst versandeten Meeresbucht gelegenen Stadtteilen der Oberstadt zu, die einst 300.000 Einwohner zählte. Das 60 Hektar große Plateau wird seit zwei Jahren mit den neuesten Hightechmethoden untersucht. Archäologen bestimmen präzise die vertikale und horizontale Position Tausender Messpunkte mithilfe des satellitengestützten Systems GPS. Geologen können durch Bestimmung kleinster Veränderungen des Erdmagnetfeldes und durch den Einsatz von Bodenradar "Röntgenbilder" der Fundstätten erzeugen, die mit der Computertomografie in der Medizin vergleichbar sind.

So entsteht am Computer ein virtuelles, dreidimensionales Bild der Wohnstadt von Ephesos mit 70 Gebäudeblöcken und einem schachbrettartigen Straßenraster. "Dazu kommt als vierte Dimension die Zeit", sagt Professor Krinzinger. Die Bautätigkeit in den verschiedenen Epochen werde sichtbar, "und das alles, ohne den Spaten angesetzt zu haben". (Erhard Stackl/DER STANDARD, Printausgabe, 1.10.2003)

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