Achtung Baustelle: Studieren in Gefahr!

9. Jänner 2004, 14:38
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Glasscheiben stürzen zu Boden, an den Wänden wuchert der Schimmel: Der Zustand der Unis ist besorgniserregend - Nicht nur in baulicher Hinsicht

Wien/Graz/Linz/Salzburg/Innsbruck – "Es ist jetzt eigentlich schon zu spät. Wir müssen handeln, weil uns sonst die Häuser zusammenfallen", warnt Wilfried Wieden, Dekan der geisteswissenschaftlichen Fakultät Salzburg. Deshalb baut die Bundesimmobilien- Gesellschaft (BIG) im Auftrag des Staates derzeit an mehr als 15 Gebäuden der österreichischen Universitäten.

Gegenwärtig laufen drei Projekte in Graz, zwei in Innsbruck, eines in Linz und neun in Wien. Baugründe gibt es zuhauf: "Denn wenn ein Hörsaal einstürzt und man darunter sitzt, ist das nicht gerade angenehm", meint Ethnologie-Studentin Nicole Glins. "Dann sollte man schon renovieren."

Acht Jahre Baulärm

Manche Vorhaben scheinen aber über das Renovierungsstadium nie hinauszukommen. Martin Heintel, Assistent am Wiener Institut für Geografie und Regionalforschung: "Ich bin seit knapp zehn Jahren am Institut, und es ist seit acht Jahren Baustelle." Das Neue Institutsgebäude (NIG) ging ohnedies schon mehrmals in der Geschichte seines Umbaus durch die Medien: Im November letzten Jahres stürzte die Decke des Hörsaals 2 ein.

Herbert Logar, technischer BIG-Geschäftsführer, sieht die Ursache schon beim Neubau 1960. Damals wurde die Decke nicht exakt nach den Statikerplänen errichtet. Außerdem zog man 1994 eine Zwischendecke unsachgemäß ein. "Anscheinend wurden tragende Elemente durchtrennt."

"Perverser Umbau"

Im März diesen Jahres eskalierte ein Problem anderer Art: Bauarbeiter warteten monatelang auf ihre Gehälter. In den Medien wurde von dubiosen Subunternehmen berichtet, die mehrmals ihren Namen wechselten, um dann endgültig in Konkurs zu gehen. Doch auch gegenwärtig gibt es viel Ärger im NIG: Wände werden wieder aufgerissen, nachdem ausgemalt wurde, Lehrveranstaltungen müssen aufgrund massiven Baulärms unterbrochen werden. "Die Art, wie hier umgebaut wird, ist eine Perversion", so Heintel.

Auch in anderen Bundesländern fällt der Himmel von der Decke: An der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät Innsbruck stürzten mehrmals Glasplatten der Dachkonstruktion zu Boden. Ein provisorisches Sicherheitsnetz fing zumindest den Großteil der Scherben auf. Zu hohe Temperaturunterschiede brachten das Sicherheitsglas zum Zerspringen.

Das ist nicht der einzige Zwischenfall an der Uni Innsbruck: "An der technischen Fakultät fuhr uns ein Lift an die Decke. Es fehlte etwas am Tragseil", erzählt Vizerektor Manfried Gantner.

Der Schimmel wuchert

Mit einem Problem ganz anderer Art haben viele österreichische Unis zu kämpfen: Platznot. "Nur mit Außenanmietungen ist es uns möglich, alle Studenten unterzubringen", klagt Rudolf Ardelt, Rektor der Johannes-Kepler-Uni Linz. Bildungsministerin Elisabeth Gehrer sieht die Sache anders: "Von einem Platzmangel an Österreichs Universitäten kann keine Rede sein."

Doch in Salzburg fehlt der geisteswissenschaftlichen Fakultät (Gewi) immer noch ein richtiges Haus: Der Großteil der Gewi ist in einem Behelfsbau beheimatet, der eigentlich schon vor dreißig Jahren abgerissen werden hätte sollen. Die Fertigteilbauten wurden in den Sechzigerjahren als Übergangslösung und "als bessere Container" gebaut.

"Dort drinnen wuchert der Schimmel, und die Leute fliegen reihenweise um, weil eine Durchlüftung nicht gewährleistet ist – und bis heute gibt es keinen Baubeginn", empört sich ÖH-Vorsitzender Ralph Schallmeiner. Dekan Wieden erläutert: "Es existieren Dachschäden und Verbiegungen von Wänden. Das Regenwasser ist wirklich die Wände hinuntergeronnen."

Uni-Park in Innenstadt

Doch für die Salzburger Akademiker scheint ein Ende der Qualen in Sicht: Es soll ein Uni-Park in einmaliger Lage mitten im Stadtkern entstehen. Der Schweizer Architekt Andreas Senn überzeugte mit seinen Plänen beim Architekturwettbewerb im letzten Jahr.

Die neuen Bewohner: die bislang sieben einzelnen Fakultätsteile der Gewi, Bereiche der Naturwissenschaften und die bildenden Künste des Mozarteums. Heinrich Schmidinger, Rektor der Paris Lodron Universität, freut sich: "Wir haben auch die größte Unterstützung von Land und Stadt Salzburg", für welche das Bauvorhaben auch aus städteplanerischer Sicht sehr interessant ist.

Mit dem Bund, der den Löwenanteil an Geldern stellen muss, wird in den nächsten Wochen noch intensiv verhandelt. Mindestens fünf Jahre müssen die Studenten aber noch in ihren alten Plattenbauten mit den biologischen Auswüchsen an den Wänden vorlieb nehmen.

Nicht weit entfernt, am Mirabellplatz, sieht es ähnlich aus: Von giftigen Asbest-Bauteilen vor fünf Jahren vertrieben, studieren die Musiker des Mozarteums seither in den Räumlichkeiten eines Einkaufszentrums. Kreative Überlegungen, das Paracelsus Schwimmbad, das frühere Zentralkino oder ein Militärgelände anzumieten, scheiterten. "Das sind so Salzburger Gedanken", schmunzelt Mozarteumsrektor Roland Haas. Auch die Idee, ein ehemaliges Brauereigebäude in einen großen Campus umzubauen, hätte trotz vorhandener Privatinvestoren keinen Anklang gefunden.

Nun scheint eine Entscheidung jedoch fix. Neben dem Einzug in den Uni-Park wandert ein Teil der Studenten wieder zurück ins alte Haus, das total renoviert wird und "bis zum Mozartjahr 2006 bezugsfertig sein soll", sagt Ministerin Gehrer.

Grassers Finanz-Sterne

Auch die Uni Linz plant einen Park: Den Science Park im bereits bestehenden Campusgelände. Darin sollen Institute für Mechatronik, Informationselektronik und Biosystemanalyse angesiedelt werden. Woher die Finanzspritze dafür kommen soll, ist allerdings noch unklar.

In Innsbruck steht die Finanzierung für den Umbau einiger Institute ebenfalls noch in Grassers Sternen, obwohl die "Raum- und Funktionspläne schon fertig sind", so Rektor Gantner. Für die neue Universitätsbibliothek steht jedoch bereits ein Architekturwettbewerb an.

Die Karl-Franzens-Uni in Graz muss hingegen nicht länger warten: Der Finanzminister gab grünes Licht für ein Biomolekularzentrum. Kostenschätzungen für die neue Forschungseinrichtung belaufen sich auf rund 18 Millionen Euro. Auf 8000 Quadratmetern entstehen Büros, Hörsäle und Labors. Der scheidende Rektor Lothar Zechlin sieht im Baustart dieses Projekts "eine deutliche Stärkung der Forschungskraft der Universität Graz". Die Fertigstellung ist für 2006 geplant.

Ebenfalls gestärkt startet die Universität Wien ins Wintersemester: Mehr als 600 Personen finden im neuen Hörsaalzentrum des alten AKH Platz. "Kaum hatten wir die Hörsäle eröffnet, waren sie auch schon zu 75 Prozent ausgelastet", schildert der Vizerektor der Uni Wien, Johann Jurenitsch, den Bedarf. Mit der neuen Ausweichmöglichkeit im Hinterkopf wird nun auch überlegt, den wohl größten Hörsaal Österreichs, das Audimax, zu renovieren. Ausschreibungen zum Umbau gebe es aber noch nicht, so Jurenitsch.

Platznot lösen

Die Generalsanierung der Wirtschaftsuni Wien ist hingegen bereits voll im Gang: In etwa drei Jahren werden die Studenten in die erneuerten Räumlichkeiten einziehen können. Zudem wurden 70 Prozent eines ehemaligen Telekom-Gebäudes angemietet, das "zumindest auf Sicht die Platznot lösen wird", so Rektor Christoph Badelt. Auch Kiomas Sfverdi, BW- Student, ist begeistert: "Ich freue mich schon darauf, in den Vorlesungen nicht mehr am Boden sitzen zu müssen!" (Der UniStandard, Printausgabe, 2. 10. 2003)

Von Michael Mühlböck und Josef C. Ladenhauf
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    karikatur: oliver schopf
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