Augen auf und durch

9. Oktober 2003, 17:54
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"Dritter Weg" oder Sackgasse, die Tony Blair beschreitet? - Ein Kommentar von Christoph Prantner

Tony Blair tat das, was er am besten kann: Brillant reden, charmant verführen - Augen auf und durch, sozusagen. Und die Delegierten am Parteitag der Labour Party in Bournemouth konnten "Bambi" offenbar nicht wirklich böse sein. Sie applaudierten - nicht so begeistert wie Tags zuvor bei seinem Schatzkanzler und Rivalen Gordon Brown - aber immerhin doch freundlich. Das stand angesichts der Bilanz, die der britische Premier vorzuweisen hat, gar nicht zu erwarten.

Blair hat seine Partei in den sechseinhalb Jahren seiner Regierung auf den "Dritten Weg" New Labours geführt, den viele Delegierte als Sackgasse begreifen. Doch trotz der Zustände etwa im maroden britischen Gesundheitswesen oder bei den finanziell ausgehungerten Eisenbahnen will der erklärte Thatcher- Bewunderer weiter gegen ursozialdemokratische Anliegen handeln: Das Gesundheitswesen soll teilprivatisiert, Studiengebühren sollen erhöht werden. "Dies ist die Zeit für Erneuerungen, nicht für Rückschritte", ließ er wissen. Großbritannien habe in den Labourjahren ein sozialeres Gesicht bekommen. Will heißen: Wer etwas sozialistische Stallwärme haben möchte, kann sie - rhetorisch - haben. Weiter als der Parteitagsslogan "Eine faire Zukunft für alle" reicht es anscheinend aber nicht.

Die gleiche Art der Vorwärtsverteidigung wandte Blair in Sachen Irakkrieg an. Sein "Ich würde wieder so entscheiden", begleitet von verständnisvollen Bekundungen für die Verletzungen seiner Parteigänger, nimmt nur wenig von der Schärfe der Auseinandersetzung um den ungewollten Krieg. Fürs erste werden sich einige seiner Kritiker vielleicht damit zufrieden geben. Die jüngsten Umfragen zeigen allerdings, dass sich die britische Öffentlichkeit gar nicht davon überzeugen lassen will.

Insofern ist Blairs Ansage von einem kommenden dritten Wahlsieg Labours, mit dem er seine Parteigänger bei Laune zu halten versuchte, einigermaßen relativ. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 1.10.2003)

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