Die Bücher, so schön

3. Oktober 2003, 00:36
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Kochbücher haben ihre Funktion verändert: Von Anleitungen für die Zubereitung von Speisen hin zu ästhetischem Entertainment

Wenn man sich die Kochbücher anschaut, mit denen meine Mutter und Großmutter (da veränderte sich verhältnismäßig wenig) ihr Auslangen fanden, und im Vergleich dazu jene, die derzeit Tausende Exemplare absetzen, dann fällt schon auf, dass es da ein paar kleine Unterschiede gibt.
Erstens werden Kochbücher heute natürlich nur mehr von Stars geschrieben, von Koch-Stars, Fernsehkoch-Stars, Mode-Stars oder sonst welchen Stars, früher waren zwei, drei Kochbuchautoren zwar auch sehr bekannt, das war’s dann aber auch. Von Dumas mal abgesehen, wäre sonst niemand auf die Idee gekommen, sich mit einem Kochbuch zu verwirklichen.
Zweitens sehen Kochbücher heute recht anders aus als die von früher, und zwar so: Viele grandios fotografierte Bilder vom kochenden, einkaufenden, essenden und parlierenden Star, Designerküchen ohne Ende, massenhaft zu Türmen aufgehäufte Gerichte in intensiven Gelb-, Rot- und Brauntönen, hervorgerufen nicht zuletzt durch massenhaft angewendete Gelb-, Rot- und Braunfilter, und natürlich – das Wichtigste überhaupt – die Tiefenschärfe.

Erwirbt man da also zwei, drei Kochbücher an einem Nachmittag, dann muss man sich schon ziemlich anstrengen, dass die nicht absolut das selbe vermitteln. Weiterer Unterschied: Früher wurden Kochbücher, nach denen meine Mutter und Großmutter kochte, von österreichischen Müttern und Großmüttern geschrieben, heute schreiben eigentlich nur mehr Engländer Kochbücher. Den humorigen Hinweis auf englische Küche und so weiter ersparen wir uns jetzt mal, Tatsache ist, die Briten sind in Sachen Kochbuch mittlerweile absolute und uneinholbare Weltmeister. Nächster Punkt: Kochbücher standen früher mal auf einem Regal in der Küche, jetzt liegen sie lässig am Coffee-Table rum, früher wurden Notizen reingeschrieben und Zetterln reingelegt, das darf man heute natürlich nicht mehr, dazu sind die Edelbücher ja auch viel zu wertvoll und teuer, obwohl es freilich reichlich Weißraum dafür gäbe. Und schließlich und endlich: Kochbücher lagen in den Tagen unserer Vorfahren neben dem Herd, man schaute immer wieder rein, das Buch bekam Fettspritzer ab, was zwar nicht super war, aber akzeptiert wurde. Heute schaut man sich die farbenfrohen Werke von Jamie Oliver, Gordon Ramsey, Charlie Trotter (kein Engländer!!) oder Michel Bras (auch kein Engländer!!!) eher am Sonntag morgen am Sofa sitzend an, schmökert ein bisschen rum und holt sich ein bisschen Appetit für den Lokal-Besuch am Abend.

Wobei, und diese Werbung sei da jetzt gestattet (weil’s eh wurscht ist und sich das Buch ohnehin wie die warme Semmel verkauft): Jamie Oliver ist in der Horde von gleich schön aussehenden und einigermaßen gleich beinhalteten Kochbüchern immer noch der mit Abstand beste: Die Rezepte haben nicht nur Hand und Fuß, mittlerweile ist er von seinem Faible für Convenience-Produkte auch wieder abgerückt, kein einziges der abgebildeten Rezepte ist katastrophal, was man etwa bei Gordon Ramsey nicht wirklich sagen kann. Gut investiertes Geld, es schadet niemandem, dieses Buch zu Hause stehen zu haben, auch wenn es – wie gesagt .- für den Hardcore-Gebrauch in der Küche sowohl zu groß als auch zu schön ist. Aber mal sehen, mit welchen Koch – äh – Medien unsere Kinder zu tun haben werden.

Von Florian Holzer
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