Asthma als "Super-Hygiene-Erkrankung"

14. Oktober 2003, 14:11
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Grazer Spezialist Zach warnt vor Über-Protektion - auch Verabreichung von Antibiotika im Babyalter fördert Anfälligkeit

Wien - Asthma als "Super-Hygiene-Erkrankung": Immer mehr Hinweise deuten darauf hin, dass viele einfache Infektionen im Frühkindesalter vor Allergien und auch vor Asthma schützen. "Diese Hygiene-Hypothese passt immer mehr zusammen", erklärte am Dienstag beim Europäischen Lungenkongress in Wien, Konferenz Co-Präsident Univ.-Prof. Dr. Maximilian Zach (Graz).

"Laut einer Erhebung, die wir vor drei Jahren unter 10.000 Kindern im Alter zwischen sechs und acht Jahren gemacht haben, leiden in Österreich ziemlich sicher acht bis zehn Prozent der Kinder dieser Altersgruppe an Asthma", sagte Zach.

Patienten-Zahl steigt kontinuierlich

Pro Dekade - so internationale Zahlen - steigt die Zahl der Asthma-Patienten um rund 50 Prozent. Weltweit leiden 150 Millionen Menschen daran. Pro Jahr sterben 180.000 Menschen an Asthma.

Die Gründe für die Entwicklung werden immer klarer: Es handelt sich um eine Krankheit auf dem "Boden" einer genetischen Vorbelastung. Doch eine entscheidende Rolle spielen schließlich Umwelteinflüsse. Zach: "Vor Jahren schon hat eine Münchner Wissenschafterin nachgewiesen, dass die Kinder in der ehemaligen DDR wesentlich seltener an Asthma erkrankten als die Kinder in Westdeutschland. Das war offenbar der Effekt der Kinderkrippen, wo die Kinder der DDR häufig untergebracht wurden. Sie steckten sich ständig gegenseitig mit Infekten an."

Dreifaches Asthma-Risiko bei Antibiotika im Babyalter

Der Spezialist von der Grazer Kinderklinik weiter: "Es gibt offenbar im ersten Lebenshalbjahr ein 'Fenster', in dem das Immunsystem der Kinder durch häufige Infekte darauf trainiert wird, sich auch künftig stärker gegen Infektionen zu wenden - und nicht gegen andere Reize." Hingegen fördert "Super-Hygiene" offenbar Allergien.

Als Beleg führte der Wissenschafter auch eine US-Studie an, die bei dem europäischen Lungenkongress in Wien präsentiert wurde: Kinder, die in den ersten sechs Lebensmonaten häufig Antibiotika verabreicht bekamen, hatten später das Dreifache Asthma-Risiko im Vergleich zu anderen Kindern.

"Es könnte sein, dass das dadurch bedingt ist, dass die Antibiotika die Darmflora schädigen", so Zach. Auf diese Weise fiele zeitweise der ständige Kontakt mit den verschiedensten bakteriellen Keimen weg. Das Immunsystem sucht sich schließlich andere "Gegner" und reagiert auf an sich ungefährliche Reize (Pollen, Tierhaare, Hausstaubmilden-Kot) mit einer Allergie.

Laut dem Grazer Experten spricht das keinesfalls gegen den Segen, den Antibiotika in der Beherrschung von schweren bakteriellen Infektionen mit sich bringen. Kinder, die Antibiotika benötigen, sollen sie auch künftig erhalten. Aber man sollte sich überlegen, ob im jeweiligen Fall nicht eine virale Infektion vorliegt. In diesem Fall seinen Antibiotika nicht nötig. Die Mittel gegen bakterielle Infektionen sollten nur dann verwendet werden, wenn dies sinnvoll ist.

Impfungen ausgenommen

Die Hygiene-Hypothese spricht auch keinesfalls gegen Impfungen, welche Infektionskrankheiten verhindern. Der Grazer Kinderarzt und Lungenspezialist: "Impfungen stellen ja gerade eine Art Training für das Immunsystem dar."

Zu wenige Diagnosen in Österreich

Nicht zufrieden ist Zach mit der Diagnose von Asthma bei den österreichischen Kindern. "In unserer Untersuchung mit 10.000 Kindern wurde nach Asthma und asthma-typischen Symptomen gefragt. Dabei stellte sich heraus, dass bei Volksschulkindern mit solchen Symptomen die Asthmadiagnose nur in rund 50 Prozent der Fälle gestellt wird."

Versorgungsqualität

Das hat direkte Auswirkungen auf die Qualität der Versorgung. Zach. "Bei den Kindern, bei denen die Asthma-Diagnose gestellt worden war, erfolgte offenbar auch zu mehr als 70 Prozent die richtige Therapie. Ohne Diagnose war das nur bei weniger als 50 Prozent der Fall. Es wäre in Österreich also noch Einiges zu tun", meint Zach. (APA)

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