Zur Geometrie der Gewalt

7. Oktober 2003, 12:06
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"Antigone" in den Linzer Kammerspielen

Linz - Kein Wunder, dass Antigone die berühmteste weibliche Theaterfigur ist, an deren tödlicher emotionaler Widerspenstigkeit gegenüber dem stupid gesetzestreuen Patriarchentum sich die klassischen Athener ebenso erregten wie moderne Literaten und Komponisten. Antigone wagt es, dumme männliche Machtregeln im Vollbewusstsein der Strafe zu brechen. Sie negiert rücksichtslos das Herrschaftssystem und folgt, kitschig gesagt, ganz der Stimme ihres Kämpferherzens.

Das Linzer Landestheater hätte auch eine schmiegsame neuzeitliche Version des Stoffes spielen können. Die Entscheidung fiel auf die superknapp von Übersetzer Peter Krumme auf den dramatischen Punkt gebrachte Urfassung von Sophokles. Mag sein, dass die junge Regisseurin Sabine Mitterecker darauf bestanden hat, denn das Resultat der Kammerspiele verrät hohes Gespür für die Schroffheiten und die geradezu bildhauerische Kontrapunktik der Standpunkte, wie sie nur die antike Tragödie bietet.

Die Inszenierung im leeren, scharf ausgeleuchteten Bühnenraum verzichtet bis auf wenige "Ausrutscher" auf jeden gestischen Schnickschnack. Gespielt wird in weißen Anzügen auf einem Podium aus Gitterrosten. Achtzig Minuten lang knattert das sprachliche Räderwerk der Gewalt von Männern an Frauen - unterstrichen von schlichter Geometrie räumlicher Figurenbewegung. Ein derart radikales, auf die intellektuelle Auseinandersetzung zwischen Menschen-und Göttergesetzlichkeit ausgerichtetes Konzept benötigt für die volle Wirksamkeit allerdings Höchstleistungen sprachlicher Artikulation. Eine Grundlage, die das Linzer Ensemble nicht durchgehend bereitstellen kann.

Isabella Szendzielorz meißelt die Titelfigur teilweise beeindruckend. Legt sich erst einmal die Nervosität, glaubt man die innere Motivation der verbotenen Bruderbestattung ganz. Etwas im Schatten stehen Bettina Buchholz als Schwester Ismene und Lutz Zeidler in der Rolle des inhumanen, auf Machterhalt erpichten Königs Kreon. Gut besetzt ist der unerschrockene Seher Teiresias mit Silvia Glogner.

Ein Gesamtkonflikt

Für die Qualität der Regiearbeit spricht auch eine gewisse Unabhängigkeit der Wirkung von unüberhörbaren Darstellerschwächen. Sabine Mitterecker hat keine großen Einzelauftritte, sondern einen Gesamtkonflikt, ein Schachspiel gleichwertiger Gestalten modelliert.

Eine Botschaft wird in dieser insgesamt bemerkenswerten Produktion besonders deutlich: Welche verheerenden Folgen es nämlich hat, wenn starrköpfige Regenten kein Ohr für kluge Gegenargumente haben. Athen war einst weise genug, um den Schöpfer der Antigone zum politischen Strategen zu machen. (Anton Gugg, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 30.9.2003)

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