Viel Schmerz, zu wenig Hilfe: Waneck kündigt Reformen an

1. Oktober 2003, 09:43
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Arzneien von Suchtgiftindex streichen, Begriff "Facharzt" abschaffen

Wien - 21 Prozent der österreichischen Bevölkerung leidet aktuellen Studienergebnissen zufolge unter chronischen Schmerzen - und zwar länger als 5,8 Jahre. Diese Daten stehen im Widerspruch zu den Möglichkeiten der modernen Schmerzbehandlung. Warum? Nicht zuletzt wegen bürokratischer Hindernisse, beklagte FP-Gesundheitsstaatssekretär Reinhart Waneck Montag zum Auftakt der dritten, von der "Österreichischen Schmerzgesellschaft" (ÖSG) ins Leben gerufenen "Österreichischen Schmerzwoche".

Dieses Hindernis will Waneck mit der derzeit diskutierten Gesundheitsreform aus dem Weg räumen: Als eine der gesetzlichen Änderungen wünscht sich der Mediziner entweder die formale Aufwertung von Praktikern zu "Fachärzten für Allgemeinmedizin" oder aber die "Abschaffung des Facharztes als Terminus technicus", was in anderen EU-Ländern bereits geschehen sei. Erst dann seien die Voraussetzungen erfüllt, dass all jene eine Zusatzausbildung zum Schmerzmediziner erhalten, "die nahezu 80 Prozent aller Schmerzmedikamente verordnen", somit am häufigsten mit Betroffenen Kontakt hätten - Praktiker. In der jetzigen komplexen Rechtslage sei dies für Allgemeinmediziner nicht möglich. Denn der "Zugang zum entsprechenden Aditivfach" sei in Österreich "nur Fachärzten" möglich. Dies behindere flächendeckende qualitative Schmerzbehandlung.

Reform der Arzneimittelverordnungen

Eine weitere Änderung kündigte Waneck bei der anstehenden Reform der Arzneimittelverordnungen an: "Derzeit wird eine Modernisierung der Suchtgiftrezepte geprüft." Viele Ärzte hätten heute noch Scheu, wirksame Schmerzmittel zu verordnen, weil sie auf dem Suchtgift-Index stehen, ihre Verschreibung daher mit hohem bürokratischen Aufwand verbunden sei.

Dabei wisse man aus zahlreichen Studien, dass viele Schmerzmittel, die in Österreich nach wie vor unter das Suchtgiftgesetz fallen "weder süchtig machen, noch Gifte sind", kritisierte auch Hans-Georg Kress, Abteilungsleiter für Allgemeine Anästhesie und Intensivmedizin am Wiener AKH, den Status Quo.

Wenige schmerzlindernde Morphine

Die Auswirkungen für Patienten verdeutlichte der Grazer Pharmakologe Eckhard Beubler, ÖSG-Präsident, mit Zahlen über die Verwendung von schmerzlindernden Morphinen: "In Dänemark werden jährlich 80 Kilogramm pro Million Einwohner verabreicht, in Österreich nur knapp 35." Dabei seien in den heimischen Daten auch jene Fälle eingerechnet, in denen Morphine zur Drogen-Substitution verwendet würden.

Ärzten, Politikern und Patienten gehöre laut Beubler bewusst gemacht, dass dank der breiten Palette medikamentöser und nicht-medikamentöser Methoden Schmerzen vermeidbar sind. (fei, DER STANDARD, Printausgabe, 30.9.2003)

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