Struzl stolperte über Eisenbahnweichen

29. September 2003, 16:49
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Der Insiderhandel mit VAE-Aktien wurde dem Voest-General zum Verhängnis

Wien - Die "Causa Struzl" hat im heurigen Sommer für gehörige mediale Aufregung gesorgt, als bekannt wurde, dass diesem bereits ein Jahr zuvor ein Insidervergehen nachgewiesen worden war. Es ging um den Kauf von rund 3.000 Aktien des Zeltweger Weichenherstellers VAE, der später zur Gänze von Voestalpine übernommen wurde, woraus Struzl einen Kursgewinn von rund 250.000 Euro lukrierte. Nach einer Untersuchung durch die Finanzmarktaufsicht, die einen Verstoß gegen das Börsegesetz durch Struzl feststellte, kam es zu einer "Diversion" (außergerichtliche Einigung) mit dem Voest-Chef. Dieser spendete den Kursgewinn aus dem Insider-Handel für karitative Zwecke und zahlte eine Geldstrafe von 50.000 Euro an den Bund, womit er als rechtlich unbescholten gilt.

Gescheiterte Reinwaschung

Ins Rampenlicht kam der vor der Öffentlichkeit verborgene Fall erst, nachdem die Voestalpine in eine massive Privatisierungsdebatte geraten war, als Geheimverhandlungen der ÖIAG mit dem Magna-Konzern von Frank Stronach ruchbar wurden. Struzl, der sich gegen einen Verkauf der voestalpine an jeglichen strategischen Eigentümer stemmte, versuchte mit Hilfe eines Anwalts noch eine persönliche Reinwaschung, kam aber mit seiner Argumentation nicht durch, dass er vom Insiderhandel freigesprochen worden sei. Die Staatsanwaltschaft beharrte auf dem Insidervorwurf, das Verfahren gegen Struzl sei nicht eingestellt worden, obwohl dieser Gegenteiliges behauptet hatte.

Daraufhin versuchte Struzl am 8. August die Offensivverteidigung. Er stellte dem voestalpine-Aufsichtsrat die Vertrauensfrage und wurde einstimmig bestätigt, da "Insidermerkmale nicht eingetreten waren", wie Aufsichtsratschef Streicher erklärte. Die Kritik an der Aufsichtsratsentscheidung war daraufhin massiv. Der Kapitalmarktbeauftragte der Bundesregierung und der Vorstand der Finanzmarktaufsicht verlangten u.a. den Rücktritt des voestalpine-Generaldirektors.

Böhmdorfer, Haider

Justizminister Dieter Böhmdorfer (F) ließ von der Staatsanwaltschaft auf den Verdacht unzulässiger Absprachen zwischen Struzl und Streicher prüfen. Der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider (F) erhob in Linz Anklage gegen das Voestalpine-Aufsichtsratspräsidium. da dieses trotz Kenntnis des Insider-Handels vor einem Jahr nicht tätig geworden sei.

Im Vorfeld des Börsegangs (SPO) der Voestalpine am 19. September war der Fall Struzl kein Schlagzeilenthema mehr, da die Privatisierungsdiskussion angesichts der Landtagswahlen in Oberösterreich nicht nur die Wirtschafts- sondern auch die innenpolitischen Seiten beherrschte. Inzwischen rankten sich die Spekulationen, ob bzw. wann Struzl doch seinen Sessel in der Linzer Generaldirektion räumen würde.

"Keinen müden Cent"

Als sich ÖIAG-Vorstand Peter Michaelis, angeblich auf Druck von Finanzminister Karl-Heinz Grasser und ÖIAG-Präsident Alfred Heinzel, in einem Magazinbericht dafür aussprach, dass Struzl "keinen müden Cent" aus seinem Restvertrag kriegen sollte, formierte sich eine Verteidigungsfront für den rechtlich ja unbescholtenen Top-Manager. Neben Streicher und ÖIAG-Vorstand Rainer Wieltsch, den Mitgliedern des voestalpine-Aufsichtsratspräsidiums, bestand diese aus dem oberösterreichischen Landeshauptmann Josef Pühringer (V), dem Chef der Raiffeisenlandesbank OÖ und voestalpine-Großaktionär, Ludwig Scharinger und dem diesem nahe stehenden Industriellen Hannes Androsch. Sie machten die Verdienste von Struzl um die voestalpine geltend und verwiesen auch auf eine Diversionsregelung für fünf Spitzenbanker im Zusammenhang mit der "Lombard-Affäre" (wettbewerbswidrige angebliche Zinsabsprachen).

Nach der vom 19. auf den heutigen 29. September verschobenen Aufsichtsratssitzung der voestalpine hofft man bei dem Stahlkonzern, der ein 2 Mrd. Euro schweres Investitionsprogramm bis 2010 abzuarbeiten hat, dass sich die medialen Blitzlichter wieder anderen Themen zuwenden werden. (APA)

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