USA in der Wachstumsfalle?

12. Oktober 2003, 18:25
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Die Lokomotive hat Gegenverkehr: Der Dollar sinkt, der Ölpreis steigt - Ein Gastkommentar von Michael Margules

Seit den Börseniden des heurigen März hatte anscheinend nichts die gute Laune der Anleger trüben können, und nun kam es in der abgelaufenen Woche zum ersten Mal zu einem kräftigen Kursrückschlag. Verantwortlich für den Kursrückgang waren nicht etwa negative Nachrichten von Unternehmen, sondern ein Cocktail aus enttäuschenden makroökonomischen Daten aus den USA, dem Wertverlust des Dollars und dem Erdölpreisanstieg.

Experten interpretierten den Kursrückgang aber eher nicht als Trendwende, sondern als Atempause. Allerdings mehren sich die Stimmen, die nicht mehr so wie zu Anfang jahr vor einer Deflation, sondern einer Inflationierung des Wirtschaftsgeschehens warnen.

Lokomotive USA mit Gegenverkehr

Wie an den jüngsten Aktienmarkt-Entwicklungen abzulesen war, trauen Anleger trotz der einen oder anderen konjunkturellen Enttäuschung den USA unter den Industrieländern die rascheste wirtschaftliche Erholung zu. Diese potentielle Aufhellung am Konjunkturhimmel erhält von der sicherlich noch lange nicht abgeschlossenen latenten Dollarschwäche noch zusätzlichen Antrieb, die nach dem G-7-Gipfel in Dubai wieder virulent geworden war. Die Marktteilnehmer schlossen aus Äusserungen, die in Dubai unter anderem – nicht ganz überraschend und wohl auch nicht ganz zufällig – durch US-Finanzminister Show gefallen waren, dass die Amerikaner einen Wertverlust des Dollars begrüssen würden.

Des einen Freud, des anderen Leid führt vor allem in Japan, aber auch Europa zu eher betrübten Konjunktur-Minen. Die kräftigeren Heimwährungen werden in Japan, derzeit von Finanzexperten als Nummer zwei in Sachen Wirtschaftserholung betrachtet, sowie im Schlusslicht Europa auf das ohnehin schwache Wachstum weiter drücken. Zudem belastet ein stärkerer Dollar tendenziell die Gewinnausweise derjenigen Unternehmen, die in einem Land mit starker Währung produzieren, ihre Produkte jedoch im Dollarraum absetzen. Hinzu kommt der Anstieg des Erdölpreises, nachdem die Opec eine wenngleich nicht wirklich markante Kürzung der Förderquoten beschlossen hatte.

„Tausche“ Wachstum gegen Inflation ...

Bis zuletzt erschien das Thema „Inflation“ bis auf weiteres abgehakt – und (noch) zeigen sich in den makroökonomischen Zahlen auch weiterhin keine Anzeichen für ein Anziehen der Teuerung –, und nur die Vermeidung „japanischer Zustände“, also deflationärer Entwicklungen, stand im Mittelpunkt notenbankerischer Sorgenfalten. Jedenfalls mehren sich an den Finanzmärkten jene Stimmen, die vor Inflationsgefahren warnen. Sie beziehen sich einerseits auf die schon länger bestehende Lockerheit, mit der die geldpolitischen Zügel derzeit gehalten werden - und zwar in allen Industrieländern.

Besonders argwöhnisch betrachtet werden die USA, wo die Leitzinsen besonders tief sind, während gleichzeitig die Lebenszeichen von der Konjunkturfront im Vergleich mit den anderen Regionen am deutlichsten ausfallen.

Anderseits scheinen die Verschuldungszahlen von Staat und Privathaushalten - wiederum vor allem jenseits des Atlantiks, aber auch mancherorts in Europa – offensichtlich schon jetzt den Politikern und im Falle der USA auch bei den Notenbankiers sehr wohl in der Versuchung zu münden, die makroökonomischen Ungleichgewichte mit Hilfe einer Inflationierung „abzubauen“.

Die Märkte sprechen ihre eigen Sprache

Die klarsten Anzeichen dafür, dass die Investoren mit steigenden Güterpreisen zu rechnen beginnen, treten aber an den Rohwarenmärkten auf: Die Preise für Basismetalle, Gold, aber auch viele der übrigen Grundstoffe haben erneut angezogen. Dementsprechend scheinen sich viele Investoren auf ein Umfeld mit hoher Teuerung einzurichten. Von den Anleihen mit ihren noch im vergangenen März rekordtiefen Renditen haben sich einige Anleger schon länger abgewendet. Für die Aktienmärkte bestehen mehrschichtige Szenarios:

Unternehme(r)n sehen einer drohenden Teuerung eher gelassen entgegen, denn unter dem Motto „derfs a bisserl Inflation sein“ dürften damit allfällige Preiserhöhungen auf den Märkten weitaus leichter zu argumentieren und durchzusetzen sein als in den letzten drei, sicherlich aus Unternehmer sicht im grunde deflationären Jahren. Und dieses saloppe Motto könnte auch den Aktienmärkten durchaus zumindest kurzfristig schmecken.

Fragt sich bloß, wie vor allem die angesprochene Konjunkturlokomotive USA mit der Dreiecksbeziehung „überdurchschnittliches Wachstum – schwacher Dollar – tiefe Zinsen“ vor dem Hintergrund der Finanzierungszwänge eines ernuet rekordhohen Budgetdefizits umzugehen weis. Von der (Finanz)Logik her würde dies alles nämlich nur eines bedeuten und unweigerlich nach sich ziehen: steigende Zinsen – und die werden von den Aktienbörsen in etwa so geliebt wie vom Teufel das Weihwasser!

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Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
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    montage: derstandard.at
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