Italiens Atomkraftbefürworter gewinnen an Boden

3. Oktober 2003, 21:54
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"Verzicht auf Nuklearenergie hat das Land zu viel gekostet" - Grüne empört

Rom - Nach dem Mega-Stromausfall am Sonntag gewinnt die Front der Kernkraftbefürworter in Italien an Boden. Italien hatte 1987 per Volksabstimmung beschlossen, auf Atomstrom zu verzichten. Die bis dahin fertig gestellten vier Kernkraftwerke wurden stillgelegt. Laut Experten ist Italien wegen dieses Beschlusses zu stark von Stromimporten abhängig geworden. Über 20 Prozent des nationalen Bedarfs kommen überwiegend aus Frankreich, der Schweiz und Österreich.

"Italien muss die Stromquellen diversifizieren, und die Atomkraft ist der Eckpfeiler eines soliden Stromversorgungssystems", betonte der italienische Physiker Tullio Regge. Ihm zufolge sollten die Atomkraftwerke in Stand gesetzt werden, die nach der Volksabstimmung gesperrt worden waren. Auf diese Weise könnte Italien über mindestens 3.000 Megawatt Strom mehr verfügen. "Um die Atomenergie ist aus politischen Gründen eine Debatte mit Katastrophenängsten genährt worden. Dabei sind die Fortschritte in der Sicherheit der modernen Stromkraftwerke enorm", sagte der Physiker nach Angaben der Mailänder Tageszeitung "Il Giornale" (Montagsausgabe).

Sonnen- und Kernenergie fördern

Auch der italienische Physik-Nobelpreisträger Carlo Rubbia meinte, die einzige Lösung, um die Engpässe im Stromversorgungsbereich zu überwinden, sei die Förderung von Sonnen- und Kernenergie. Der Präsident des nationalen Verbands zur Förderung der Atomenergie, Ugo Spezia, fügte hinzu, die Zeit sei gekommen, um in Italien wieder die Debatte über die Kernkraftwerke in die Wege zu leiten. 20 Monate könnten genügen, um die Kraftwerke wieder im Gange zu setzen, die nach dem Referendum gesperrt wurden.

Nach dem Schock von Tschernobyl 1986 und nach der Volksabstimmung hatte Italien seinen Energieversorgungsplan revidiert. Zwar gibt es derzeit 19 genehmigte Projekte für traditionelle Kraftwerke mit einer Kapazität von an die 12.000 Megawatt, doch wurde bisher nur in drei Fällen mit dem Bau begonnen. Dies ist zum Teil dem Protest von Bürgerbewegungen und Umweltschutzorganisationen zuzuschreiben, die keine Kraftwerke in ihren Gemeinden haben wollen.

Auf die neue Offensive der Kernkraftbefürworter reagierten die oppositionellen Grünen in Rom scharf. "Wir werden uns von dem neuen Feldzug der Atomkraftbefürworter nicht einschüchtern lassen. Die Volksabstimmung über die Kernenergie hat Italien vor einer gefährlichen, veralteten und kostspieligen Energiepolitik gerettet. Diese Wahl hat immer noch die volle Zustimmung der Italiener", so der Sprecher der Grünen, Paolo Cento.(APA)

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