"Gelbe Karte für Blair"

1. Oktober 2003, 09:29
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"Independent": "Blair kämpft ums politische Überleben"

London - Das britische Massenblatt "The Sun" ist am Montag hart mit der Labour-Regierung von Premierminister Tony Blair ins Gericht gegangen. Auf seiner Titelseite warf die Zeitung Labour vor, die vergangenen sechs Jahre seit ihrem Amtsantritt durch leere Versprechungen "vergeudet" zu haben. "Wir zeigen Ihnen die gelbe Karte, das nächste Mal könnte es die rote Karte sein", schrieb die "Sun". Auch andere britische Tageszeitungen gingen mit dem Premierminister aus Anlass des Labour-Parteitags am Montag hart ins Gericht. Nach Ansicht des liberalen "Independent" kämpft der Premier ums politische Überleben, der linksgerichtete "Guardian" kritisierte die Entscheidung, die Irak-Frage am Parteitag auszuklammern.

Das Blatt aus dem Verlag von Rupert Murdoch, das täglich von fast zehn Millionen Briten gelesen wird, hatte sich 1997 in einer spektakulären Wende hinter die "neue Labour-Partei" von Blair gestellt. Die Zeitung lobte am Montag ausdrücklich den Irak-Kurs von Blair, warf ihm aber vor, bei der Reform von Gesundheitswesen und Bildung sowie bei der Verbrechensbekämpfung und Asylpolitik "versagt und Versprechen nicht eingehalten" zu haben. Letztendlich, so die "Sun", müssten die "Herzen und Köpfe der Wähler zu Hause erobert werden."

"The Independent":

"Blair hat sich mit seiner trotzigen Rechtfertigung des Irak- Kriegs keinen Gefallen getan. Viele fragen sich, warum er nicht bei den notwendigen innenpolitischen Reformen genau so viel Mut gezeigt hat wie bei der blinden Unterstützung eines US-Präsidenten, der unsere Loyalität nicht verdient. Wenn Blair doch seine Überzeugungskraft nur für einen guten - und nicht einen bösen - Zweck eingesetzt hätte! Das erste Mal seit seiner Amtsaufnahme muss Blair - gegen den Wind der öffentlichen Meinung - erklären, warum er im Amt bleiben sollte. Blair ist keineswegs starrköpfig, für ihn geht es ums politische Überleben."

"The Guardian":

"Im vergangenen Jahr wurden die Delegierten auf dem Labour- Parteitag gezwungen, über eine von der Parteiführung gesteuerte Resolution abzustimmen. In diesem Jahr ist es noch schlimmer: Es wird überhaupt nicht über den Irak-Krieg abgestimmt. Keiner weiß besser als Blair selbst, dass es an mehreren Punkten in der Irak-Debatte die Möglichkeit gab, anders zu entscheiden. Er selbst kämpfte für verschiedene alternative Antworten, die dann fehl schlugen. Aber es ist nicht glaubhaft, wenn Blair weiterhin so tut, als hätte nur er Recht gehabt. Damit kann er niemanden davon überzeugen, dass er von jetzt ab zuhören will. Aber was sollen wir schon von einer Partei erwarten, in der es keine ernsthaften Debatten mehr gibt?" (APA/dpa)

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