Pressestimmen: Kilowatt und Joule kennen kein Nullrisiko

3. Oktober 2003, 21:54
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"Corriere della Sera": Leichtfertig durchgeführten Liberalisierungen

Paris/Stockholm - Nach dem jüngsten großflächigen Stromausfällen, die am Wochenende Italien betrafen, beschäftigten sich am Montag zahlreiche Tageszeitungen in Europa mit dem Thema Energieversorgung. Die konservative Pariser Tageszeitung "Le Figaro" kommentierte:

"Am Tag nach dem 14. August, der New York und einen Teil Kanadas traf, haben uns viele Kommentatoren davor gewarnt, uns über dieses große Land zu mokieren, das unfähig ist, seinen Mitbürgern ein diesen Namen verdienendes Stromnetz zur Verfügung zu stellen. Denn - daran erinnerten sie - was 2003 passiert ist, hat sich schon 1978 in Frankreich ereignet und kann sich bei uns oder unseren Nachbarn wiederholen. Die Frage hat Aktualität. Sie verdient es, eine Kommission zu berufen. Man könnte sie "Kommission zur Verhütung des Risikos von Stromausfällen im Hinblick auf den großen europäischen Markt" nennen. Nichts deutet darauf hin, dass sie irgendeine Wirkung hätte. Aber sie könnte zumindest den Nutzen haben, daran zu erinnern, dass es auf dem Gebiet von Kilowatt, Joule und Kalorien kein Nullrisiko gibt."

Geringste Ausfälle mit Dramen von vielfacher Größe

Die kommunistische französische Tageszeitung "L'Humanite" schrieb: "Dieser Unfall unterstreicht auf spektakuläre Weise die extreme Bedeutung der großen öffentlichen Dienstleistungen für das soziale Leben, besonders in den am höchsten entwickelten Ländern. Obgleich selten, können die geringsten Ausfälle Dramen von vielfacher Größe nach sich ziehen. Angesichts der Empfindlichkeit technischer Spitzenleistungen darf nicht gespart werden, wenn es um das Prinzip der Vorsorge geht. Das Recht auf Energie, das in allen Regionen der Welt anerkannt werden muss, muss vor dem Gesetz des Marktes geschützt werden. Das gilt für die Elektrizität wie für alle großen Dienstleistungen für Bevölkerung und Wirtschaft eines Landes: Alle Deregulierungen führen unverzüglich zu Verlusten an Qualität, Gleichheit und - am schlimmsten - an Sicherheit."

Die liberale schwedische Tageszeitung "Dagens Nyheter" (Stockholm) meinte zu den jüngsten Stromausfällen in den USA, Skandinavien und Italien: "Es gibt entscheidende Unterschiede zwischen den Stromausfällen in den USA im August, letzte Woche in Südschweden sowie Dänemark und jetzt in Italien. In den USA hatten Experten lange wegen des schlechten Zustandes des Elektrizitätsnetzes gewarnt, so dass der Ausfall nicht unerwartet kam. Das schwedische Versorgungsnetz ist vergleichsweise stark. (...) Hier gibt es andere Erklärungen. Südschweden versorgt sich nicht selbst, sondern hängt von Zufuhr vor allem aus Nordskandinavien, aber auch aus Dänemark ab. Das ist die logische Konsequenz eine unlogischen Energiepolitik. Ähnlich ist Italien völlig davon abhängig, dass die französische Atomkraft funktioniert und Strom liefert, nachdem man in populistischer Panik die eigene Kernkraft-Industrie stillgelegt hat.

Kritik an italienischer Energiepolitik

Die Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera" schrieb am Montag über den landesweiten Stromausfall: "Es handelt sich nicht nur um ein italienisches Problem. Die Stromausfälle, die sich im Sommer in den USA, Großbritannien und Dänemark ereignet haben, beweisen, dass die leichtfertig durchgeführten Liberalisierungen ein gemeinsames Problem vieler Länder darstellen. So wie Italien ist es jedoch niemandem gelungen, so viele unverantwortliche und paradoxe Verhaltensweisen an den Tag zu legen.

Zunächst die Hinwendung zur Atomenergie und dann ihr totales Verbot, danach die strengsten Umweltauflagen Europas und die Einsprüche der lokalen Behörden gegen den Bau von Kraftwerken und Hochspannungsleitungen - als ob die Energie keine vitale Notwendigkeit für Bürger und Unternehmen wäre. Um nicht von der "schlauen" italienischen Idee zu sprechen, ein Fünftel der Energie im Ausland zu kaufen, um weniger zu zahlen und die Umweltverschmutzung den anderen zu überlassen. Dies ist das Ergebnis."

Starke Abhängigkeit von ausländischen Stromlieferungen

Die in Turin erscheinende Tageszeitung "La Stampa" kommentierte: "Es ist unglaublich, dass ein kleiner Unfall in einem Augenblick in Italien das Licht ausgehen lässt. Und es ist völlig unerträglich, dass ein Tag nicht ausreicht, um das Licht wieder einzuschalten. Es ist auch eine derart starke Abhängigkeit von ausländischen Stromlieferungen nicht zu vertreten. (...) Ganz Italien sieht sich mit den Folgen von 30 Jahren verfehlter Energiepolitik konfrontiert".

Die belgische Zeitung "De Standaard" aus Brüssel: "Über die Ursache besteht noch keine Klarheit. Frankreich und die Schweiz, zwei Stromlieferanten Italiens, weisen sich gegenseitig die Schuld zu. Tatsache ist, dass der Direktor des italienischen Hochspannungsnetzes bereits gewarnt hat, das Angebot halte mit dem Verbrauch nicht Schritt. (...) Italien ist zu einem Fünftel von Elektrizität aus dem Ausland abhängig. Die Serie der Strompannen in Europa fällt auf. Vorige Woche Dänemark und Schweden, vorher London. Nach dem Blackout in den USA und Kanada Anfang August war hingegen gesagt worden, das europäische Stromnetz sei besser unterhalten."(APA)

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