Elia Kazan 1909-2003

2. Oktober 2003, 20:27
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Sein wuchtiges Schauspielerkino prägte den US-amerikanischen Nachkriegsfilm nachhaltig, seine politische Rolle bleibt umstritten

Nachruf auf einen Einzelgänger


New York - Ein Lebenslauf als Einwanderer-Epos, eine Karriere als Beispiel für die Risse im amerikanischen Traum: Elia Kazanjoglous wird 1909 in Istanbul geboren. 1913 kommt er mit seinen griechisch-armenischen Eltern in die USA, sein Vater ist als Teppichhändler erfolgreich.

Der Sohn beginnt 1930 ein Studium am Theaterdepartment in Yale, wechselt jedoch vor Abschluss in die Praxis, zunächst als Bühnenarbeiter ans New Yorker Group Theatre. 1935 spielt er - mittlerweile nennt er sich Elia Kazan - bereits seine erste Hauptrolle. Drei Jahre später inszeniert er. Gut zehn Jahre hat er schließlich am Theater gearbeitet, bevor er seinen ersten Film in Hollywood realisiert: A Tree Grows in Brooklyn (1945).

1947 gründet Kazan gemeinsam mit Lee Strasberg und anderen das legendäre Actor's Studio. Das dort praktizierte "Method-Acting", das sich an der Theorie des russischen Schauspiellehrers Stanislawski orientiert, prägt eine neue Generation von Schauspielerinnen und Schauspielern (und wirkt bis heute nach). Ein physisches Spiel, das unter anderem auf Improvisationen und auf der Aktivierung des "affektives Gedächtnisses" beruht.

Neuer Darstellertypus fürs US-Kino

Das US-Kino erhält mit den Filmen von Kazan einen neuen Darstellertypus, eine neue Linie, die sich bis in die Gegenwart fortsetzen lässt. Zugleich bleibt die Inszenierung über die Konzentration auf die (manischen) Schauspieler nicht selten vordergründig, das Umfeld verdunkelt und ausgeblendet: "Dem Zuschauer", schreibt der Filmkritiker Manny Farber 1952 über A Streetcar Named Desire, "ist zwar bewusst, dass eine Geschichte erzählt wird, aber vor allem fühlt er sich mitten in einem psychologischen Ringkampf gefangen."

Wuchtig und zugleich schwerfällig - das ist der Eindruck, den Elia Kazans Filme heute erzeugen. Dennoch bleiben Bilder wie jenes von einem jungen blonden Mann in beigem Pullover und hellen Hosen, der zusammengekauert auf einem Gehsteig sitzt: Der unbekannte Schauspieler namens James Dean, der in den ersten Szenen von East of Eden (1955), bevor sich sein eigentliches Drama offenbart, als tragischer Held, als prototypischer "angry young man" etabliert wird, sollte in der Folge seine kurze, aber steile Erfolgsgeschichte erleben.

Nicht versöhnt

Elia Kazan hat Karrieren wie diese mit aufgebaut - Karl Malden, Rod Steiger, Eva Marie Saint oder Paul Newman gelten als seine Entdeckungen. Andere Karrieren hat er mit beendet: Im April 1952 sagt er vor dem Committee on Un-American Activities (HCUA) aus - jenem Senatsausschuss, der seit 1947 die "kommunistische Infiltration" in Hollywood ahndet - und nennt Namen von acht Kollegen. Wer auf die schwarze Liste gerät, dem droht Berufsverbot und politische Verfolgung.

Kazan dreht weiter Filme. Unter anderem das Drama On the Waterfront (1953), in dem Marlon Brando, wortkarg, stur und eigenbrötlerisch, schließlich die Seiten wechselt und für die Dockarbeiter eintritt, die von Reedern und Gewerkschaftsbossen gleichermaßen ausgebeutet werden.

Ein Film, von dem Maitland McDonagh berechtigterweise trotzdem sagt, er sei wie A Star Is Born aus demselben Jahr ein "Monument der Künstlichkeit": "sorgfältig konstruierte Gebäude ohne Riss und Makel und die perfekte Verkörperung des Mainstream-Ideals". (Einen marginalen Film gänzlich abseits des Mainstreams zu drehen, das blieb Kazans zweiter Frau, der Schauspielerin Barbara Loden, mit ihrer einzigen Regiearbeit, Wanda, vorbehalten.)

Kazan dreht Baby Doll (1957), Splendor In The Grass (1961) oder America America (1964). 1976 führt er schließlich zum letzten Mal Regie: The Last Tycoon mit Robert De Niro, einem späten Vertreter von Kazans Schauspielerkino.

Ausbleibende "Standing Ovations"

De Niro ist es auch, der Kazan gemeinsam mit Martin Scorsese bei der Oscar-Verleihung 1999 auf die Bühne begleitet. Als Kazan - dessen Filme insgesamt mit 20 Oscars ausgezeichnet wurden - dort eine Ehrung für sein Lebenswerk erhält, bleiben die geschlossenen Standing Ovations jedoch aus.

Der Verleihung waren aufgrund von Kazans HCUA-Aussage monatelange Kontroversen um die Auszeichnung des Regisseurs vorausgegangen. Kazan selbst, der in seiner Autobiografie von einer "schwierigen Entscheidung" spricht ("schwierig heißt, dass man so oder so verliert"), gratuliert der Academy zu ihrem Mut. Es ist einer seiner letzten öffentlichen Auftritte. Am Sonntag ist Elia Kazan 94-jährig in seiner Wohnung in Manhattan gestorben. (DER STANDARD, Printausgabe, 30. 9.2003)

Von Isabella Reicher
  • Elia Kazan erhielt 1999 den Oscar für sein Lebenswerk
    timothy a. clary

    Elia Kazan erhielt 1999 den Oscar für sein Lebenswerk

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    Kazan gilt als Entdecker der Hollywood-Ikonen Marlon Brando und James Dean.

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