Das Pech und das fehlende Glück

1. Oktober 2003, 21:15
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Die Ziel-1-Förderung soll die Probleme des Südburgenlandes beheben - Drei Leitbetriebe sind ins Stottern gekommen

Eisenstadt - Als der Redakteur der zur NÖN-Gruppe gehörenden BVZ das Schild "Abverkauf wegen Geschäftsschließung" las, dachte er vorerst an einen ganz normalen Inhaberwechsel des thermennahen Shops. Kurzes Nachfragen ergab freilich anderes. Und so erfuhr nicht nur die Öffentlichkeit, dass die Stegersbacher Therme - einer der großen Leitbetriebe des Südburgenlandes - wegen Um- und Ausbauarbeiten ab September für elf Monate schließen werde.

Auch die Landespolitiker mussten davon in der früheren ÖVP-Zeitung lesen, was zu allerlei Irritationen führte, die kurz darauf mit "Kommunikationsproblem" umschrieben wurden. Betreiber ist die landeseigene "Wirtschaftsservice Burgenland AG" (Wibag), der Chef des Aufsichtsrates Landeshauptmann Hans Niessl (SP), der für den Fall weiterer "Kommunikationsprobleme" Konsequenzen ankündigte. Sein Stellvertreter, Wirtschaftslandesrat Karl Kaplan (VP), meinte gar bündig, dass er sauer werde, "wenn ich Wibag höre". Die Grünen mobilisierten den Rechnungshof.

Wer so wenig glücklich agiert, bei dem kommt das Pech von alleine. Vergangene Woche brannte der industrielle Leitbetrieb, das Lyocell-Werk in Heiligenkreuz. Der Zeitpunkt war denkbar ungünstig. Nach etlichen Anlaufschwierigkeiten scheint die Lyocell-Faser endlich den Weltmarkt auf sich aufmerksam gemacht zu haben. Man baute bereits an einer neuen Produktionsstraße, die Kapazität sollte Ende des Jahres auf 40.000 Jahrestonnen verdoppelt werden. Das verzögert sich nun. Die Werksleitung rechnet mit einer Wiederaufnahme der Produktion Ende Oktober.

Nicht wenige im Burgenland sehen in dem mangelndem Glück und dem dazukommenden Pech bereits ein Omen für das gesamte Ziel-1-Programm, das sich ja als eine Hauptaufgabe den "Abbau regionaler Disparitäten" vorgenommen hat.

Leitbetriebe sollten die marode südburgenländische Wirtschaft bis 2006 zum Blühen bringen. Unter anderem der Frottier-Erzeuger Vossen, bei dem die Wibag sich standortpolitisch engagierte, worauf es zum Streit mit Haupteigentümer Hungarian Industries kam, den unlängst Franz Steindl, VP-Stellvertreter des Landeshauptmannes, in einem Sechs-Augen-Gespräch schlichten helfen wollte. Das Resultat: Seit Freitag läuft bei der Vossen AG eine Kapitalerhöhung um 1,7 Millionen Euro, also um gut ein Drittel. Wibag (28,47 Prozent) und Linz Textil (25,1) werden dabei mitmachen, die Entscheidung bei Hungarian Industries (46,63) steht noch aus.

Der Ziel-1-Plan wird, heißt es in der Landesregierung, von all dem nicht berührt. Im Gegenteil, meint der zuständige Referent im Landeshauptmann-Büro, Andreas Mihalits. Stegersbach etwa werde nach dem Umbau, der am vergangenen Mittwoch begonnen wurde, endlich den richtigen Platz in der steirisch-burgenländisch-ungarischen Thermenlandschaft gefunden haben.

Auch die Mitarbeiter bräuchten keine Angst haben. In den nächsten Monaten werden alle, die keine Arbeit im Thermenland gefunden haben, in einer Outplacement-Stiftung geschult. Mehr noch: "Parallel dazu gibt es eine Implacement-Stiftung. Denn nach Wiedereröffnung werden 320 Arbeitsplätze, fast doppelt so viel wie bisher, zu besetzen sein." (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Print-Ausgabe, 29.9.2003)

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