Kommentar: Exponierter Lebensnerv

3. Oktober 2003, 21:54
3 Postings

Wie sähe unsere Welt ohne Strom aus? 57 Millionen Italiener hatten am Wochenende die Gelegenheit, darüber nachzudenken ...

... Genauso wie drei Millionen Nordeuropäer vorige Woche und 50 Millionen US-Amerikaner Mitte August. Telekommunikation, Straßenverkehr, U-Bahnen, Luftfahrt, Computer, Krankenhäuser, die Lebensmittelindustrie mit ihren Kühlketten, die gesamte Wirtschaft: Nichts geht mehr, wenn der Strom versiegt.

Die Angst - vor allem in den USA -, die Stromausfälle könnten terroristische Hintergründe haben, war berechtigt: Nichts würde in der westlichen Welt (und nicht nur dort) einen nachhaltigeren Schaden anrichten als ein langer, flächendeckender Stromausfall. Experten gehen davon aus, dass ein einwöchiger Stromausfall in den zehn größten Städten der Welt die tiefste Wirtschaftskrise der Geschichte auslösen würde.

Dominoeffekt

Der Tatsache, dass sich die Abhängigkeit der Gesellschaft von Strom von Jahr zu Jahr noch verstärkt, wird allerdings keine Rechnung getragen. Der US-Energieminister sprach davon, dass die USA eine Supermacht mit dem Stromnetz eines Dritte-Welt-Landes seien. In weiten Teilen Europas sieht es kaum besser aus. Spätestens hier zeigt sich, wie unsachlich diejenigen argumentierten, die die Privatisierungen und Liberalisierungen in den USA für die Ausfälle verantwortlich machten: Die Probleme in Italien sind auf Ausfälle in Frankreich zurückzuführen. Und dort ist die Strombranche verstaatlicht.

Der Stromverbrauch und damit die Belastung der Leitungen steigt stetig, aber die Architektur der Netze stammt vielfach aus den 50er-Jahren. Der Ausfall einer einzigen Leitung führt zu einem Dominoeffekt und lähmt ein ganzes Land. Ein ziemlich sorgloser Umgang mit einem derart wichtigen Lebensnerv. (Michael Moravec/DER STANDARD; Printausgabe, 29.9.2003)

Share if you care.