Der Traum von Versöhnung

3. Oktober 2003, 11:26
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Zum Buch vom "gefesselten Burgtheater"

Wenn schon herkömmliche Intendanten potenzielle Ohnmachthaber sind, so sind Wiener Burgdirektoren, diese vermeintlichen Sonnenkönige, noch ärmer: Könige mit eingeschränkten Befugnissen - Herrscher als Schlucker von Verdruss, Opfer gesellschaftlicher Ranküne.

Die Burgtheaterdirektions-Ära des Wieners Gerhard Klingenberg (1971 - 1976) blieb eine so genannte Modernisierungsepisode: ein wenig glänzendes Zwischenspiel auf dem Weg in die Normalität, die sich mit Kinderhitzkopf Claus Peymann erst recht als "aufklärerisches" Kinderwelttheater lärmend und kolossal schaumschlagend gebärdete.

Klingenberg (73) hat in seinem Buch Das gefesselte Burgtheater, verlegt im Molden Verlag, nun gerade nicht die jüngste Vergangenheit zum Anlass gewählt, um historisierend wirksam zu werden.

Für seine jüngsten Nachfolger findet er Worte, die jene, je nach Naturell, eigentlich als schändlich empfinden müssten: "Ob meine Nachfolger Benning und Peymann diese oder eine andere ,Vision'" - gemeint ist der Europa-Gedanke - "hatten, das zu beurteilen, fehlt mir die Distanz." - Warum eigentlich? - "Dass aber Klaus Bachler ihnen, was Geschmack, Niveau und internationalen Anspruch angeht, haushoch überlegen ist, lässt sich trotz fehlender Distanz und erst relativ kurzer Tätigkeit schon heute sagen."

Dafür kann man wieder trefflich an das Gründungsskandalon rühren, das aus einem k.k. Hoftheater "nächst der Burg" anno 1776 per kaiserliches Dekret ein "Nationaltheater" zimmerte - ohne für die Bedeckung eines solchen Anspruchs ausreichend Sorge zu tragen. Von nun an, so Klingenberg, herrschte Krieg: Mit der parallelen Installierung einer "Bundestheaterverwaltung" war die Autonomie des angeblich wichtigsten Nationaltheaters beim Zensurteufel.
Wieder einmal kann man die Unleidlichkeiten lebhaft nachvollziehen, denen sich "fortschrittliche" Direktoren ausgesetzt sahen. Am packendsten schildert Klingenberg das Schicksal des dichtenden Schöngeists Anton Wildgans in der ersten Republik. Die unverfrorene Fiktion des Burgtheaters - dass es stets "repräsentativ" zu sein habe, auch wenn es sich bloß den Erfordernissen der Lebenswelt stellt - lässt sich an Wildgans ablesen: Mit George Bernard Shaw konnte er 1930 scheitern. Wildgans löste eine Beißwütigkeit aus, die umso treuherziger wirkt, wenn man bedenkt, was ihm als dichtendem Privatier so aus der Feder floss.

Egal? Klingenberg scheut es, Farbe zu bekennen. Er packt die mehr als 200 Jahre Burgtheater in seinen konservativen Plaudersack - und träumt am Schluss, immerhin, von einer nicht näher ausgeführten Versöhnung aller zentraleuropäischen Aporien im Wiener Nationaltheater. Dessen stilistische "Vielsprachigkeit" er während seines historischen Rundgangs ausführlich tadelt.

Man kann aber nicht Real Madrid sein wollen - und "Großklubs" dafür schelten, dass sie oftmals so unbedenklich handelten, wie sie es eben taten. Die Erfassung des schillernden, nervenden Phänomens Burgtheater steht noch aus. (DER STANDARD, Printausgabe vom 29. September 2003)

Von
Ronald Pohl
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