Klangduft der Selbstdarstellung

2. Oktober 2003, 20:30
posten

"Jenufa" an der Wiener Staatsoper, Konzert in der Wiener Volksoper

Wien - Der Eindruck, auf der Bühne säßen mehr Menschen als im Publikum, war natürlich ein trügerischer. Zweifellos war der Zuschauerraum in der Volksoper etwas mehr als zur Hälfte gefüllt, was also eine Menge ergibt, die weit über die Größe eines Symphonieorchesters hinausgeht. Dennoch wird das auch dem Dirigenten Marc Piollet hoffentlich nicht genügt haben.

Bedenkt man die gewöhnungsbedürftige äußere Erscheinung seines Raum greifenden Ganzkörpereinsatzes, handelt es sich bei dem neuen Musikchef der Volksoper um einen energisch-ehrgeizigen Dirigenten, der die von Vorgänger Thomas Hengelbrock eingeführte Tradition gerne weiterführt, das Volksopernorchester mitunter aus dem Orchestergraben-Alltag herauszuholen. Und so mittels symphonischer Selbstdarstellung etwas für die Psyche des Klangkörpers zu tun.

Die Orchesterpsyche in Ehren, von der Unverzichtbarkeit solcher Konzerte wird man uns noch überzeugen müssen, so es dabei nur darum gehen soll, anhand von Normalrepertoire auf solide Möglichkeiten und auch Verbesserungswürdiges hinzuweisen. Heitor Villa-Lobos' tristaneske, tänzelnde, mitunter auch krause Bachianas Brasileiras Nr. 2 kam noch in duftigen Farbschattierungen daher; auch Aaron Coplands "Old American Songs" (als Solist solide Morten Frank Larsen) hörte man gerne.

Dvoráks Neunte Symphonie vermittelte hingegen einen eher gemütlichen Zugang, war im ersten Satz von plakativer Wucht, im zweiten bis zum Verschwinden verinnerlicht und zeigte doch einige Defizite auf - etwa beim Blech. Nebenbei: Auch bei den Streichern wollte sich jene von Piollet gestenreich eingeforderte fiebrige Lyrik nicht einstellen.

In dieser Hinsicht war man natürlich dann doch an der Staatsoper etwas besser bedient, auch wenn man bei Leos Janáceks Jenufa etwas Kantig-Raues hätte erwarten können. Seiji Ozawa nützte jedenfalls die Gelegenheit, die glänzend tiefsinnige Angela Denoke (als Jenufa) in puncto Lyrik zu motivieren und Agnes Baltsa (als Küsterin) mit all ihrer kraftvollen Zerrissenheit zur Entfaltung kommen zu lassen. Torsten Kerl (als Stewa) und Michael Roider (als Laca) konnten da einigermaßen mithalten. (DER STANDARD, Printausgabe vom 29. September 2003)

Von
Ljubisa Tosic
Share if you care.