Singende Sonne, klingendes Glück

2. Oktober 2003, 20:30
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Nikolaus Harnoncourt und Riccardo Muti im Musikverein

Wien - Wie schaut ein gut 500 Jahre alter Klangkörper aus? Bravliebsüß und erstaunlich jung, zumindest im linken oberen Viertel: Da standen auf dem Musikvereinspodium gut 40 Wiener Sängerknaben, mit ebenso vielen weißen Matrosenanzüglein angetan, und sangen. Rechts daneben taten es ihnen 18 befrackte Herren des Wiener Staatsopernchores gleich; gleich unterhalb werkten etliche Mitglieder der Wiener Philharmoniker.

In Summe: die Wiener Hofmusikkapelle. Von Kaiser Maximilian I. im Jahr 1498 gegründet (eigentlich: neu organisiert), im Moment oberbefehligt von der Bundesministerin für Wissenschaft, Bildung und Kultur, Elisabeth Gehrer. 1,3 Millionen Euro Unterstützung jährlich ist das traditionsreiche Ensemble (damit verbundene Persönlichkeiten: Fux, Gluck, Salieri, Mozart, Schubert, Bruckner, Krauss, Krips u. v. m.) dem Staate Österreich wert, dafür wird allsonntäglich eine Messe gegeben, um 9.15 Uhr in der Burgkapelle der Hofburg.

Meist dirigiert der künstlerische Leiter Uwe Christian Harrer, for special occasions rückt gern Dirigent Riccardo Muti an, wie etwa zur 500-Jahr-Feier vor fünf Jahren, zur Messfeier anno 2000 im Petersdom oder eben letzten Samstag zum Konzert im Musikverein. Es gab Geistliches von Süßmayr und dessen Lehrer Mozart, ein Solistenquartett blickte freundlich (Tatiana Lisnic) bis ernst (Bernarda Fink) bis grimmig (Herbert Lippert) bis neutral (Franz-Josef Selig) und sang passabel (die beiden Außenposten) bis medioker (die Mittleren).

Sehr wohlgeformt

Muti punktete optisch wie immer mit schwarz schimmerndem Seidenhaar und einem erstklassig geschnittenen ebensolchen Zweireiher, akustisch durch eine stupende Balance der diversen Musiker- bzw. Sängergruppen. Sehr wohlgeformt, präzise, nobel-schwungvoll bei ihm, das Ganze, und doch auch: etwas tot. Perfektes musikalisches Repräsentationstheater, nicht weniger, aber leider auch nicht mehr.

Der Concentus Musicus macht noch nicht seit 500, aber immerhin seit 50 Jahren Musik, wobei mit "machen" das völlig falsche Tunwort für das professionelle Tätigsein der (laut Buchtitel) "seltsamsten Wiener der Welt" gewählt ist: Sie fühlen und leben Musik. Und beim dargebotenen "Lazarus"-Fragment Franz Schuberts (geistliches Drama, 1820) lebten sie also stillste, wildeste, schönste, schmerzvollste, dichteste, unmittelbarste Musik, angeführt vom großväterlichen Zaubermeister, Musik-lebendig-und-verständlich-Macher Harnoncourt. Der Schoenberg Chor sang anrührend und groß, das Solistenensemble (Orgonásova, Janková, von Magnus, Taylor, Boesch) war von einer Pracht und Zartheit ohnegleichen und fand seinen König in Michael Schade: eine singende Sonne, klingendes Glück. (DER STANDARD, Printausgabe vom 29. September 2003)

Von
Stefan Ender
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