"Balance zwischen Aktien und Anleihen"

17. Dezember 2003, 13:33
posten

Raiffeisen will als Pionier einen der ersten offenen Immo-Fonds anbieten - Die Expertise dafür wird bei der Londoner Curzon zugekauft - Die Masterminds im STANDARD-Gespräch

Seit September steht die gesetzliche Grundlage für offene Immobilienfonds in Österreich. Die Kritik am Konstrukt reißt zwar nicht ab, und Novellen scheinen schon programmiert. Raiffeisen hat aber bereits ein fertiges Portfolio und will ab November mit dem Verkauf starten. Ambitioniertes Ziel sind 25 Prozent Marktanteil am Kuchen, der auf rund acht Mrd. Euro Anlagevolumen geschätzt wird. Großes Vorbild ist der deutsche Markt, in dem sich mit einem Volumen von fast 85 Mrd. Euro Immobilienfonds zur drittgrößten Anlageklasse entwickelt haben.

STANDARD: Angst vor Verlusten nach der Aktienbaisse der vergangenen Jahre haben Investmentprodukten, die Sicherheit und Werterhaltung anbieten, viel Geld gebracht. Fünf, sechs Prozent Rendite nach Kosten sind derzeit ein voller Erfolg. Sollte sich die Konjunkturerholung aber als nachhaltig erweisen - fließt dann Geld nicht schnell wieder ab?

Zakostelsky: Nein, wir sind überzeugt, dass es sich bei diesem Produkt um keine kurzfristige Modeerscheinung handelt. Gehobene Privatkunden und Institutionelle warten seit langem auf solche Immobilienfonds. Mit fünf bis zehn Prozent werden sie ihren festen Platz als Portfoliobeimischung einnehmen. Außerdem eignen sich Immobilienfonds gut für Kleinanleger, die einsteigen wollen, das allerdings mit möglichst geringem Risiko.

Shayle: Die Leute werden auch bei einer etwaigen raketenartigen Entwicklung der Aktienmärkte ihr Geld nicht aus Immo-Fonds abziehen, wenn wir halten, was wir versprechen, nämlich kontinuierliche Renditen von rund sechs Prozent. Die Erfahrungen mit hohen Volatilitäten der Aktien werden noch sehr lange wiegen.

STANDARD: Bei einer solchen Verlustaversion sind Anleger ja aber auch mit Anleihen gut bedient.

Shayle: Ja, aber Immobilienfonds stehen zwischen Aktien und Anleihen und haben zu ihrer Entwicklung kaum eine Verbindung: In steigenden Aktienmärkten bringen sie zwar weniger Rendite als Aktien, haben dafür aber auch weniger Risiko. In fallenden Märkten bringen sie zwar weniger Rendite als Anleihen, unterliegen dafür aber auch weniger Schwankungen. Damit schaffen sie als Langfristanlage eine Balance.

STANDARD: Wie erwirtschaften Sie im Fonds die Balance zwischen möglichst guten Erträgen und sicheren Objekten?

Shayle: Unser Kernportfolio beinhaltet Objekte in liquiden und entwickelten Immobilienmärkten Westeuropas. Osteuropa verwenden wir als Beimischung, wir konzentrieren uns auf den Büromarkt und den Einzelhandel. Nur einen geringen Teil der Erträge holen wir aus der Wertsteigerung der Objekte, den Gutteil aus Mieteinnahmen.

STANDARD: Der Büroimmobilienmarkt unterliegt aber derzeit nicht gerade einem Boom. Mit welchen Renditen rechnen Sie?

Shayle: 6,5 bis sieben Prozent setzen wir bei Bürogebäuden an, im Logistikbereich acht bis neun, im Einzelhandel knapp über sechs. Unsere Objekte sind voll vermietet und in Toplagen positioniert.

STANDARD: Was wird sich - geografisch gesehen - in den neuen Fonds befinden?

Shayle: Paris, Lyon und Marseille, Mailand, Rom, dazu Brüssel und als Abrundung London - wobei wir hier Währungsrisken haben und die City damit nur gering vertreten sein wird.

STANDARD: In Wien sind Sie noch nicht fündig geworden?

Shayle: Wir suchen noch, vor allem bei kommenden Logistikbauten.

STANDARD: Der Verdacht, dass in die neuen Immo-Fonds Objekte eingepackt werden, die aus den Bilanzen der Besitzer verschwinden sollen, ist unbegründet?

Zakostelsky: Ich glaube, dass die Auflagen und Regularien des Gesetzes das verhindern können.

STANDARD: Bei "bescheidenen" Renditen: Wie schlank wird die Kostenstruktur der Fonds sein?

Zakostelsky: Dreieinhalb Prozent Ausgabeaufschlag und 1,15 Prozent laufende Managementgebühren. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 29.9.2003)

Bauer hat Curzon-Direktor Anthony Shayle und Andreas Zakostelsky, Chef der Raiffeisen Capital Management, zur neuen Spezies befragt.
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.