Rätselhafte Weichenstellung im Vatikan

30. September 2003, 15:48
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31 neue Kardinäle - Verlagerung zugunsten der Dritten Welt fand nicht statt - Mit Kommentar

Mit der Berufung von 31 Kardinälen hat der schwer kranke Papst Johannes Paul II. am Sonntag die Weichen für die Wahl seines Nachfolgers gestellt. In welche Richtung, bleibt allerdings ungewiss. Die erwartete Verlagerung zugunsten der Dritten Welt fand nicht statt.

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Vatikan - Der 83-jährige Papst kündigte die Ernennung der 31 Kardinäle laut Kathpress am Sonntag beim Angelus-Gebet auf dem Petersplatz in Rom an. Der landesweite Stromausfall in Italien behinderte die Zeremonie nicht. Der Vatikan verfügt über eine Notstromversorgung, sodass Johannes Paul II. die Nachricht über Mikrofon verkünden konnte. Die neuen Kardinäle sollen bei einem Konsistorium am 21. Oktober die Zeichen ihrer Würde erhalten. Einer der 31 Kandidaten wurde "in pectore" (im Herzen) ernannt: Sein Name wird wegen der schwierigen politischen Umstände in seinem Land vorerst nicht bekannt gegeben.

Unter den neu ernannten Kardinälen sind mehrere hochrangige Kurienfunktionäre, so der vatikanische "Außenminister" Jean-Louis Tauran, der Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden ("Iustitia et Pax"), Renato Martino, der Präsident des Päpstlichen Rates für die Interpretation von Gesetzestexten, Julian Herranz, der Präsident der Güterverwaltung des Heiligen Stuhls, Attilio Nicora, und der Erzpriester von St. Peter im Vatikan, Francesco Marchisano.

Die anderen wahlberechtigten Neokardinäle sind Erzbischöfe wichtiger Diözesen. In Italien erhob der Papst den Patriarchen von Venedig, Angelo Scola, und die Erzbischöfe von Florenz, Ennio Antonelli, und Genua, Tarcisio Bertone, zu Kardinälen, in Frankreich die Erzbischöfe von Lyon, Philippe Barbarin, und Marseille, Bernard Panafieu, in Spanien den Erzbischof von Sevilla, Carlos Amigo Vallejo. Auch der ungarische Primas Peter Erdö und dessen kroatischer Kollege Josip Bozanic erhalten den Purpur.

In Lateinamerika kamen nur die Erzbischöfe von Rio de Janeiro, Oscar Eusebio Scheid, und Ciudad de Guatemala, Rodolfo Quezada Toruno, zum Zug, in Nordamerika die Erzbischöfe von Québec, Marc Ouellet, und Philadelphia, Justin Rigali.

Politische Signale

Besondere politische Bedeutung kommt der Kardinalserhebung des Erzbischofs der sudanesischen Hauptstadt Khartum, Gabriel Zubeir Wako, und des Erzbischofs von Saigon (Ho-Tschi Minh-Stadt), Pham Minh Man, zu. Der Sudan wird von Islamisten dominiert, in Vietnam regieren Kommunisten.

Die verschiedentlich erwartete Verschiebung des Stimmenverhältnisses zugunsten der Dritten Welt bei einer künftigen Papstwahl (siehe Wissen) ist aus den Neuernennungen zumindest nominell nicht herauszulesen. Der Anteil der wahlberechtigten Kardinäle aus Dritte-Welt-Ländern liegt weiterhin bei rund 41 Prozent. Dagegen ist der Anteil der Italiener unter den potenziellen Papstwählern von 15,6 auf 17 Prozent gestiegen. Unter den verdienten kirchlichen Persönlichkeiten über 80, die den Kardinalspurpur erhalten (aber nicht an einer Papstwahl teilnehmen dürfen), sind der Theologe des Päpstlichen Hauses, Georges Cottier, und der tschechische Jesuit Tomás Spidlík, ein hervorragender Kenner der russischen Orthodoxie.

Am Samstagabend hatte der Papst in einem Gottesdienst im Petersdom seiner beiden vor 25 Jahren verstorbenen Vorgänger Paul VI. und Johannes Paul I. gedacht und an ihr geistiges Erbe einer dialogbereiten Kirche erinnert. Vor mehreren Tausend Gläubigen predigte der Papst erstmals seit der Sommerpause und nach seinen jüngsten gesundheitlichen Krisen wieder im Petersdom. Anders als bei einigen seiner Auftritte in der Slowakei sprach der Papst mit verständlicher Stimme und verlas seine gesamte Predigt selbst. (Kathpress, red/DER STANDARD, Printausgabe, 29.9.2003)

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    Der vatikanische "Außenminister", Jean-Louis Tauran, vor dem Papst-Monument im Stadtstaat.

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