Blitzschlag verdunkelte Italien

29. September 2003, 18:24
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Ein gigantischer Stromausfall in Italien ließ in der Nacht zum Sonntag mehr als 55 Millionen Menschen im Dunkeln tappen ...

Ein gigantischer Stromausfall in Italien ließ in der Nacht zum Sonntag mehr als 55 Millionen Menschen im Dunkeln tappen. Nur Sardinien blieb vom mehrstündigen Blackout verschont.

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Die USA hatten heuer bereits eines, London ebenfalls, und zuletzt auch Dänemark und Schweden: ein Blackout. In der Nacht zum Sonntag brach die große Finsternis nun auch über Italien herein. Mehr als 55 Millionen Menschen zwischen Brenner und Messina waren von einem gigantischen Stromausfall betroffen. Nur die vom Verteilernetz des Festlandes unabhängige Insel Sardinien blieb verschont. Ursache war vermutlich ein durch Blitzschlag ausgelöster Defekt in der Schweiz, der die Fernleitungen von Frankreich nach Italien unterbrach und eine Kettenreaktion auslöste.

Zahlreiche Kraftwerke wurden automatisch abgeschaltet - mit schwer wiegenden Folgen. 110 Fernzüge blieben auf offener Strecke stehen, einer davon in einem drei Kilometer langen Tunnel der Brennerstrecke nördlich von Bozen. Verbindungen nach Österreich waren stundenlang unterbrochen.

"Notte bianca" in Rom

Besonders problematisch war die Lage in Rom, wo wegen der "Notte bianca" mit geöffneten Museen und Hunderten Kulturveranstaltungen mehr als eine Million Menschen unterwegs waren. Geschäfte und Restaurants waren geöffnet, der städtische Nahverkehr sollte die ganze Nacht funktionieren. Doch um 3.20 Uhr war die Drei-Millionen-Metropole plötzlich finster. Tausende mussten aus U-Bahnen und Aufzügen befreit werden. Am frühen Morgen glich der Bahnhof Termini einem Campingplatz. Unzählige Menschen warteten auf eine Wiederaufnahme des Bahnbetriebs. Am Flughafen Fiumicino wurde der Check-in händisch durchgeführt. Tickets konnten nicht ausgestellt werden, da die Bezahlung mit Bankomat- und Kreditkarten unmöglich war. Große Verspätungen waren die Folge.

In den meisten Krankenhäusern konnte der Betrieb durch Notstromaggregate aufrechterhalten werden. In Turin wurde eine Leberverpflanzung vorübergehend unterbrochen. Doch die meisten Patienten mussten lediglich auf ein warmes Mittagessen verzichten.

Bei vielen Italienern sorgte der Tagesanbruch ohne künstliches Licht aber auch für positive Überraschungen. In Neapel etwa genossen zahlreiche Einheimische und Feriengäste den Anblick des Vesuvs, dessen Konturen sich in der Morgendämmerung besonders klar zeigten.

Normalisierung

Nach Wiederaufnahme der Stromversorgung um 12.30 Uhr begann sich die Lage in der Hauptstadt zu normalisieren. In Norditalien kehrte der Strom im Lauf des Sonntagvormittags zurück, in weiten Teilen Mittel- und Süditaliens erst am Nachmittag.

In vielen Städten blieb trotzdem vorerst die Wasserversorgung unterbrochen, da die Pumpen nicht mehr funktionierten. Der Zivilschutz mahnte Autofahrer wegen lahm gelegter Verkehrsampeln und unbeleuchteter Tunnels zu größter Vorsicht.

Nach mehreren kleineren Stromausfällen im vergangenen Sommer hat das nunmehrige gigantische Blackout die Diskussionen um die Energieversorgung Italiens erneut angeheizt. Eine nach der Katastrophe von Tschernobyl durchgeführte Volksabstimmung hatte den Ausstieg des Landes aus der Atomenergie zur Folge. Seither ist Italien auf die Einfuhr elektrischer Energie angewiesen. (Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD; Printausgabe, 29.9.2003)

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    Sonnenaufgang beim Kollosseum in Rom - auch ohne Strom...

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