Burka goes Pop

22. April 2004, 20:49
14 Postings

Mit "Burka Blue" und dazugehörigem Video schafften es drei afghanische Frauen ins deutsche Musik-Fernsehen

Wenn der Himmel über Afghanistans Hauptstadt Kabul besonders schön ist, dann nennen ihn die AfghanInnen Burka Blue. Klingt sehr poetisch... Hierzulande hat das Wort "Burka" allerdings eher negative Konnotationen. Als Symbol der Frauenunterdrückung hängt sie in jedem imaginären Kleiderkasten, als Mahnmal eines restriktiven, fundamentalistischen Regimes wie das der Taliban begegnet es uns in den Nachrichtenstationen. Die Burka als Staroutfit, davon hat die Welt bis zur "Burka Band" aus Kabul noch nie gehört.

Zufallsprodukt "Burka Blue"

Hinter dieser spielerischen Umkodierung des wallenden muslimischen "Kerker"-Gewandes zum exotischen Dresscode stecken die beiden Art-Pop-Veteranen Frank Fenstermacher und Kurt Dahlke, auch bekannt als Labelbetreiber von ATA TAK in Düsseldorf. Auf Vermittlung des Goethe-Instituts organisierten sie gemeinsam mit der Schlagzeugerin Saskia von Klitzing im Frühling dieses Jahres einen Workshop in Kabul, der die defakto zerstörte Musikszene mit neuen Aufnahmetechniken vertraut machen sollte. Herausgekommen ist - eher aus Zufall - der locker-flockig vor sich hingroovende Hit "Burka Blue". "Anhand erster Schlagzeugversuchen einer jungen Kabulerin und dem Gesang einer Dolmetscherin sollten eigentlich nur die Möglichkeiten der Mehrspur-Aufnahmetechnik erläutert werden", so Fenstermacher. Doch das Ergebnis sei so beeindruckend gewesen, dass daraus ein Videodreh und ein Vinyl-Release in Deutschland folgten.

Kein freies Spiel von Zeichen

Der Reiz, ein Video mit drei verschleierten Frauen auf dem Arsch und Titten-Musik-Sender VIVA zu sehen, speist sich über einen Culture-Clash, von dem die Popwelt derzeit nicht genug kriegen kann. Unter "Ethno-Pop" fasst der eloquente A&R diese neuen Mischformen von orientalischen Klängen und mainstreamigen Bigbeat und Hip-Hop-Beats zusammen. Nur so kommt "Burka Blue" nicht daher, es ist eine Low-Budget-Produktion aus einem Land, in dem es am Nötigsten fehlt, in Sachen Produktionsbedingungen läuft es also unter "authentisch". Tatsächlich musste das dazugehörende verwackelte Video auch im Hinterland von Kabul aufgenommen werden, weil es für Frauen in Kabul nach wie vor zu gefährlich ist, tanzend im Stadtzentrum gesehen zu werden... Soviel zum freien Spiel mit Zeichen, das Popmusik hierzulande bisweilen fade macht und in Kabul undenkbar wäre.

Wenn also "Burka Blue" schon nicht den Geschmack einer jeden einzelnen trifft, so trägt dieses lässige Lebenszeichen aus Kabul jedenfalls dazu bei, die burkatragenden Frauen aus der Wahrnehmung eines sprachlosen Opfer zu befreien. Vergleicht man nämlich die Repräsentation der afghanischen Frauen in den Medien mit der Art und Weise, wie sich diese Frauen in "Burka Blue" präsentieren, wird mehr als deutlich, was Opfer definitiv nicht können: Sprechen, tanzen, Musik machen. (red)

Links

Burka Blue ist erschienen auf Monika Enterprises Berlin

Mehr zur Burka Band auf
Ata Tak

Hörprobe

Burka Blue

  • Bild nicht mehr verfügbar
    Video-Still aus "Burka Blue"
Share if you care.