"Beutekunst keine Handelsware"

3. Oktober 2003, 12:01
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Ein "kriegsbedingt nach Russland verbrachter" Rubens in Moskau sichergestellt - Besitzer wehrt sich gegen Vorwurf, "Mafioso" zu sein

Berlin/Moskau - Der Besitzer des auf deutsches Betreiben in Moskau beschlagnahmten Rubens-Gemäldes "Tarquinius und Lukretia" hat sich gegen den Vorwurf der Hehlerei und der Mafia-Zugehörigkeit verwahrt. Der Geschäftsmann und Sammler Wladimir Logwinenko sagte der Zeitung "Iswestija" vom Montag, er habe das bei Kriegsende 1945 aus Potsdam gestohlene Gemälde gegen eine Entschädigung von etwa einem Viertel des Schätzwertes nach Deutschland zurückgeben wollen. "Ich wollte das Bild niemandem verkaufen", sagte er.

Das Gemälde "Tarquinius und Lukretia", das aus dem Eigentum der Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten stammt, gilt als ein Hauptwerk von Peter Paul Rubens (1577 - 1640) und wird auf 80 Millionen Euro geschätzt wird.

Bin "Erfolgreicher Geschäftsmann" und kein "Mafioso"

"Die deutsche Seite versucht die mit diesem Bild verbundenen Fragen politisch umzubiegen, und erschreckt deshalb alle mit Erzählungen über die russische Mafia", sagte Logwinenko. Er beschrieb sich als "einen ziemlich erfolgreichen Geschäftsmann" aus der Immobilien- und Anwaltsbranche. "Ich war außer mir, als ich gelesen habe, dass ich ein Mafioso sein soll."

Erst beim Auftauchen von Beamten des Inlandsgeheimdienstes FSB am vergangenen Freitag habe er erfahren, dass ihm die Potsdamer Staatsanwaltschaft Bandenhehlerei vorwerfe, sagte Logwinenko. Entgegen westlichen Presseberichten sei sein Kontaktmann, ein Schweizer Rechtsanwalt, weder festgenommen noch verhört worden.

Rückführung: Chefsache zwischen Schröder und Putin

Nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" ist die Rückführung des Rubens-Gemäldes zur Chefsache zwischen Schröder und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin erklärt worden. Schröder will bei den bilateralen Regierungskonsultationen Anfang Oktober in Jekaterinburg eine Rückgabe fordern. Das Potsdamer Rechtshilfeersuchen war über das Kanzleramt und das russische Präsidialamt von Präsident Wladimir Putin übermittelt worden.

Vorgeschichte

Das seit Kriegsende in Deutschland verschollenes Rubens-Gemälde war kürzlich in Moskau sichergestellt worden. Das gaben die deutsche Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos) und der russische Kulturminister Michail Schwydkoi am Samstag in Berlin bei der Eröffnung der Festwochen-Ausstellung "Berlin-Moskau/Moskau-Berlin 1950-2000" bekannt.

Im Tausch gegen "Kompensationszahlung"

Weiss und Schwydkoi bestätigten damit Berichte russischer Medien vom gleichen Tag. Nach Angaben des Anwalts des anonymen Besitzers wollte dieser das Bild gegen eine "Kompensationszahlung" zurückgeben, die etwa die Hälfte des Schätzwertes betragen sollte. Darüber wurden von den Ministern in Berlin keine Angaben gemacht. Schwydkoi sagte dazu lediglich: "Der Mensch, der das Bild hatte, hat es in die Hände der zuständigen Organe gegeben, nicht ohne unsere Hilfe. Wir mussten ihm erklären, welche rechtlichen Verpflichtungen damit verbunden sind, und ihm sagen, was er zu tun hat."

Entwendetes Rubens-Gemälde in Justizverwahrung

Nach Angaben einer Sprecherin von Kulturstaatsministerin Weiss befindet sich das Gemälde jetzt in den Händen der russischen Generalstaatsanwaltschaft.

Weiss würdigte die Sicherstellung als einen Erfolg deutsch- russischen Zusammenwirkens auf höchster politischer Ebene. Sie dankte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Russlands Präsident Wladimir Putin, die beide eingeschaltet waren. Schröder reist Anfang Oktober nach Russland. "Die Sicherstellung des Bildes von Rubens ist erfreulich und ein Signal: Beutekunst ist keine Handelsware", erklärte Weiss.

Ermittlungen wegen "Bandenhehlerei"

Der bisherige Besitzer des Gemäldes, ein Kunstsammler, hat das stark in Mitleidenschaft gezogene Bild den russischen Medienberichten zufolge vor Jahren auf einem Antiquitätenmarkt erworben, es restauriert und das russische Kulturministerium über den Kauf informiert. Die Staatsanwaltschaft Potsdam ermittelt seit April 2003 auf Grund einer Anzeige der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten gegen mehrere Schweizer und Russen wegen "Bandenhehlerei". Schweizer Vermittler hatten das Bild der Stiftung vor einiger Zeit zum Kauf angeboten.

Haager Landkriegsordnung

Die Erbeutung von Kulturgut im Krieg einschließlich der Plünderungen durch Privatpersonen ist gemäß der Haager Landkriegsordnung von 1907 verboten. Die völkerrechtliche Rückführungspflicht für verschollene oder unrechtmäßig verbrachte Kulturgüter wurde durch Deutschland und Russland in bilateralen Verträgen bestätigt.(APA/dpa)

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