Schatzkanzler Brown greift (noch) nicht nach der Krone

1. Oktober 2003, 09:29
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Premier Tony Blair bekommt auf dem Labour-Parteitag in Bournemouth von seinem Rivalen noch eine Schonfrist eingeräumt

Für die einen ist er die Seele der Labour-Partei, für andere der ewige Kronprinz. Gordon Brown säße wohl längst als Premier in Downing Street Nr. 10, hätte Tony Blair ihn nicht ausgetrickst. So aber muss er sich mit dem Posten des Schatzkanzlers bescheiden.

Jetzt, da die Luft dünner wird für den Premier, lauern Browns Anhänger auf den Tag, an dem sich ihr Idol aus der Deckung wagt: Wann putscht Gordon gegen Tony? Populärer als der Regierungschef ist er jedenfalls. Während sich 88 Prozent der Parteimitglieder zufrieden über Brown äußern, sagen nur 53 Prozent dasselbe über Blair.

Kein Wunder, dass der Finanzminister am Montag nicht nur Zahlenkolonnen vorlas, als er auf dem Jahreskongress der Labour Party im Seebad Bournemouth die Bühne betrat. Stattdessen hielt Brown eine Grundsatzrede. Er beschwor Chancengleichheit, gute Bildung für alle und einen Gesundheitsdienst, bei dem es "nicht nach der Höhe des Bankkontos geht". Das seien Labour-Werte, betonte er, nicht solche von Old oder New Labour, sondern die Grundwerte einer mehr als hundert Jahre alten Partei.

Großbritannien, fügte er unbescheiden hinzu, könne zum Leuchtfeuer werden – für die Amerikaner als Modell für mehr soziale Gerechtigkeit, für die Europäer als Beispiel dafür, wie man mit Flexibilität und Unternehmergeist das Wachstum ankurbele. "Hier hat der künftige Parteichef gesprochen", war Browns Biograf William Keegan hinterher überzeugt. "Das war ein Schlachtruf an die Adresse der Delegierten."

Seit 1997, als die Labour-Partei nach 18 Jahren Opposition wieder ans Ruder kam, dirigiert der 52-jährige Schotte die Wirtschafts- und Finanzpolitik. Er ist der mächtigste Schatzkanzler, den das Königreich jemals hatte.

Blair, der gern den Part des Weltstaatsmanns spielt, lässt seinem Rivalen auf heimischem Terrain freie Hand. Und Brown nutzt den Spielraum weidlich aus. Ihm sind die Risiken eines Euro-Beitritts zu groß, also bleibt England dem Einheitsgeld vorläufig fern, mag sich Blair noch so sehr nach einem Platz "im Herzen" Europas sehnen und in die Währungsunion drängen.

Beim Reizthema Irak hält sich der Kassenwart auffallend zurück. Zwar unterstützt er die Politik seines Rivalen, aber in so dürren Worten, dass es wie eine Minimalübung aussieht. Ein geschickter Schachzug: Der Schatzkanzler stellt sich nicht offen gegen den Premier, zugleich hält er sein Pulver trocken. Wenn der Irakkrieg zu Blairs Stolperstein werde, schreibt der Guardian, profitiere nicht die zerstrittene Tory-Opposition, sondern nur einer, nämlich Brown.

Hier der schillernde Tony Blair, der beste Redner des Landes, ein Naturtalent in Sachen Werbung, dort der tiefgründige, ernste, manchmal mürrische Gordon Brown: Das Duo bildet die zentrale Achse der Mannschaft New Labour. Beide zogen 1983 erstmals ins Parlament, beide litten unter der Dominanz Maggie Thatchers, beide rückten die Sozialdemokraten von links in die Mitte, um Thatchers Konservative zu schlagen.

Als die modernisierte Partei wieder Aufwind spürte, steckten die beiden ihre Claims ab. Geschmiedet wurde der Kompromiss 1994 im "Granita", einem schicken Restaurant im ebenso schicken Londoner Stadtteil Islington, kurz nach dem Tod des Labour-Vorsitzenden John Smith. Blair trat Smiths Nachfolge an und zog 1997 als strahlender Sieger in die Downing Street ein. Brown ließ sich im "Granita" die alleinige Hoheit über die Wirtschaftspolitik garantieren. Angeblich sah der Deal auch einen Machtwechsel vor: Im Falle eines zweiten Wahlsieges sollte Blair seinen Sessel räumen für Brown.

Die Vertrauten des Schatzkanzlers schwören, dass es 1994, nach dem Tod von Labour-Chef John Smith, einen Deal zwischen Blair und Brown gab: Im Falle eines zweiten Wahlsieges (nach 1997) sollte Brown Premier werden. Die Beteiligten schweigen. "In diese Spekulationen mische ich mich nicht ein", wiegelte Brown in Bournemouth ab. Es klang nicht so, als greife der Kronprinz schon jetzt nach der Krone. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.9.2003)

Frank Herrmann aus Bournemouth

Der wegen seiner Irakpolitik angeschlagene britische Premier Tony Blair bekommt auf dem Labour-Parteitag in Bournemouth noch eine Schonfrist eingeräumt. Zumindest von Schatzkanzler Gordon Brown, seinem gefährlichsten Rivalen.

Zum Thema

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Links

BBC

The Observer

Financial Times

Pressestimmen

"Gelbe Karte für Blair"

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    Schatzkanzler Brown bei seinem Referat auf dem Labour-Parteitag

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