"Mein Schreiben hat etwas von Bildhauerei"

3. Oktober 2003, 11:21
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"Cosmopolis", der neue Roman von Don DeLillo: Anlass für eine Gespräch über Leerstellen nach 09/11, nostalgische Paranoia und die Liebe zur mechanischen Schreibmaschine

STANDARD: Eine Zeit lang haben Sie Interviews konsequent vermieden. Warum?

Don DeLillo: Wenn man im amerikanischen Veröffentlichungsgewerbe einmal ein Interview ablehnt, wird man schon als Einsiedler etikettiert, und das hängt einem dann lange an. In meinen frühen Jahren als Schriftsteller habe ich nur ein oder zwei Interviews gegeben, aber nicht aus Prinzip, sondern weil ich keine Lust hatte. Als 1988 Libra, meine Version der Ermordung von John F. Kennedy, erschien, fühlte ich mich verpflichtet, auf Fragen und Kommentare zu antworten, weil das Ereignis, von dem das Buch handelt, eine solche Tragweite für die US-amerikanische Geschichte hat.

STANDARD: Sie haben in "Libra" den vorhandenen Verschwörungstheorien eine neue hinzugefügt. Geschah das aus ästhetischen Gründen oder wegen der Wahrscheinlichkeit?

Don DeLillo: Sagen wir es so: Aus dem großen Vorrat der Verschwörungstheorien habe ich eine sehr konservative gewählt. Die Verschwörungstheoretiker lehnen sie ab, weil Oswald in meinem Buch nicht unschuldig ist. Er tötet den Präsidenten zwar nicht, aber er gibt drei Schüsse ab. Die Kennedy-Ermordung hatte, neben anderen Ereignissen der 60er-Jahre, einen Einfluss auf mich als Schriftsteller. Die Paranoia, die die US-Kultur jahrzehntelang durchströmte, hat meine Arbeit geformt.

STANDARD: Was bedeutet es zwei Jahre nach dem 11. September, ein New Yorker zu sein und in New York zu leben?

Don DeLillo: Die Dinge haben sich verändert in New York. Aber man muss die Leute reden hören, damit man es mitkriegt, weil man die Angst an der Oberfläche weder spürt noch sieht, außer wenn man an einem Ort wie der Grand Central Station überall von Soldaten und Polizisten und Sprengstoffspürhunden umgeben ist. Ich glaube, dass es sehr lange dauern wird, bis der Geist der Stadt wieder hochkommt.

STANDARD: Anders als Susan Sontag oder John Updike blieben Sie unmittelbar nach dem 11. September stumm.

Don DeLillo: Die Zeitungen und Zeitschriften wollten sofort einen Kommentar, und ich habe nicht sofort einen gegeben. Aber ich habe schon im September einen Essay geschrieben, der dann im Dezember in Harper's Magazine erschienen ist. Er heißt In den Ruinen der Zukunft. Wir Amerikaner denken, wir hätten die Zukunft erfunden, und plötzlich kommt diese Bedrohung von Leuten, die in gewisser Weise die Vergangenheit vertreten und uns an unserem vertraulichen Verhältnis mit der Zukunft zweifeln lassen.

STANDARD: In diesem Essay schreiben Sie, es gebe nun eine Leerstelle am Himmel, die durch Erzählungen gefüllt werden muss. Wie wird wohl darüber geschrieben werden?

Don DeLillo: Die Leute haben ihre eigenen Geschichten, es gibt Millionen davon. Die Literatur braucht länger. Ein Roman hat eine Keimzeit, die nicht beschleunigt werden kann, ohne die Idee zu beschädigen. Ich weiß nicht, ob und was ich selber schreiben werde. STANDARD: Dass derzeit wieder Verschwörungstheorien diskutiert werden, hat etwas Nostalgisches.

Don DeLillo: Finde ich auch. Diese Paranoia hat etwas Unechtes. In den 70er-Jahren benutzten die Leute das Wort "Paranoia" in jeglichem Zusammenhang - "ich habe Paranoia, meine Zahnpasta zu vergessen". So hat das Wort seine Potenz verloren. Jetzt scheint es wieder da zu sein.

STANDARD: Und das nostalgische Moment dabei?

Don DeLillo: In einem ganz anderen Zusammenhang war eine gewisse Nostalgie im Spiel, ich würde sie in der Bush-Regierung verorten. Ich denke, die hatten eine Nostalgie nach dem Kalten Krieg, als sie ins Amt kamen. Es scheint fast so, als wäre man im Irak einmarschiert, weil dort einfach ein Feind mit klar identifizierbaren Grenzen war und einer Armee, die Uniformen trug. Also konnte direkt gehandelt werden, was im Umgang mit Terroristen nur selten möglich ist.

STANDARD: Von den "Ruinen der Zukunft" handelt in gewissem Sinn auch Ihr neuer Roman. In Cosmopolis heißt es, früher hätten wir die Vergangenheit gekannt, aber nicht die Zukunft, und das würde sich nun ändern.

Don DeLillo: In diesem Roman geht die Zeit schneller, und ich glaube, dass das in den 90er-Jahren so war. Es lag ein enormes Gewicht auf Geld und Geldmachen, in den Unternehmen ebenso wie auf der Straße. Irgendwie lebten wir damals in der Zukunft. In der Zukunft enormen Investitionspotenzials und unbegrenzter Märkte. Firmendirektoren waren weltberühmt, Unternehmen schienen lebendiger als Regierungen, einfache Leute hatten Online-Börsenkonten und schauten auf Computerbildschirmen ihrem Geld zu. Und dann war es vorbei, im Frühling des Jahrs 2000. Meine Idee war, dass Eric Packer, die Hauptfigur des Romans, in einer beschleunigten Zeit lebt. Dass er tatsächlich sein ganzes Leben an einem einzigen Tag lebt.

STANDARD: Würden Sie Packer, der permanent mit Terrordrohungen konfrontierte Broker, der schließlich selbst zum Killer wird, als einen Spiegel der westlichen Zivilisation sehen?

Don DeLillo: Lieber nicht. Nein, wirklich nicht. Das war nicht meine Absicht. Und es ist mir selbst ein Rätsel, wo die Ideen herkommen und warum man die eine auswählt und die andere nicht. Die Sprache ist das Wichtige für mich. An der Sprache arbeite ich, und ich bearbeite sie, und das macht Freude. Das ist das große Geheimnis der Romanciers: dass es eine Lust ist, Romane zu schreiben. Und für mich kommt diese Lust einfach aus der Sprache. Die Wörter auf der Seite, das ist meine primäre Freude.

Als ich meinen ersten Roman begann, war ich in Athen, umgeben von griechischen Inschriften in Marmor. Damals habe ich angefangen, das Alphabet wie Bilder anzusehen statt als Wörter mit Bedeutung. Ich schreibe auf einer alten mechanischen Schreibmaschine, weil es da eine Vertrautheit gibt, die ich am Computer nicht spüre. Da ist die Körperlichkeit des Papiers selbst, da sind die Bewegungen der Finger und der Tasten, die Typen, die auf das Papier schlagen. Es hat etwas von Bildhauerei. (DER STANDARD, Printausgabe, 27./28. 9.2003)

Das Gespräch führte Iris Hanika

Zur Person DeLillo

  • Don DeLillo"Cosmopolis203 SeitenVerlag Kiepenheuer & Witsch
    foto: buchcover

    Don DeLillo
    "Cosmopolis
    203 Seiten
    Verlag Kiepenheuer & Witsch

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