Waggonfahrt eines Liebeswüstlings

3. Oktober 2003, 11:21
posten

Michael Lentz' Romanerstling "Liebeserklärung" träumt vom Scheitern

Wer in Liebesdingen seine Kompetenz beweisen will, muss sich an zwei verschiedenen Fronten gleichzeitig bewähren: Der neuzeitliche Casanova weiß zum einen um die Notwendigkeit einer Verblendung Bescheid, die sein erotisches Begehren anstachelt und es womöglich "skandalös" - um den Genuss des Exzesses bereichert - in Gang hält.

Zum anderen ist der Schmalspur-Lover unserer Tage aber auch zu einer Art vernunftgeleiteter Pragmatik verpflichtet. Er hat im traulichen Tête-à-tête mit dem Partner, der Partnerin deren Interessen verlässlich aufzuspüren - um ihnen gefälligst Rechnung zu tragen.

In Michael Lentz' atemlos gehetztem, furiosem Eisenbahnroman "Liebeserklärung" läuft der Zug der Verständigung zwischen den Geschlechtern sozusagen vorsätzlich aus dem Gleis. Und zerschellt ausgerechnet an der Wiederherstellung jener vorformatierten Redeweisen, die Lentz - indem er die Sätze wie Güterwaggons mit überkommenen Bedeutungen überlädt - demontiert. Man muss gar nicht mehr gebetsmühlenhaft Lentz' (39) Gewinn des Bachmann-Preises von anno 2001 bemühen, um die erstrangige Bedeutung dieses Autors nachgewiesen zu sehen.

Indem sich der Erzähler seiner Angebeteten als Zugreisender anzunähern versucht, entfernt er sich umso sicherer von ihr. Er zerschellt an den Ziel(w)orten einer selbstverordneten, aber unlebbaren Sehnsucht.

Diese lässt ihn, den zitierenden Kenner von Kierkegaard und Brinkmann, auch dann nur Bahnhof verstehen, wenn er mit der bösen Sachlichkeit von Talk-Idioten und Leichter-Leben-Magazinen seine Kompetenz in Liebesdingen großsprecherisch auszuweisen versucht. Er käut missmutig an den Wendungen einer "Sprache der Liebe" (Rolandes Barthes) herum. Die muss ihm für jenen Verlust der Unmittelbarkeit einstehen, die im "verständnisvollen" Beziehungsplanspiel erwartbar flöten geht. "Liebeserklärung" bietet sohin keine kulinarische oder gar klassische Lektüre; die atemlos aneinander gereihten Sätze dementieren ihre eigenen, ihre vermeintlich besten Absichten. Dieser DB-Hobo der ICE-Kultur grüßt Kierkegaard ("Alter Däne!"), indem er dessen trostlosen Satz zur Geschlechterfrage, das hell klingende Alibi jeder Beziehungskarambolage, beim schnöden Nennwert nimmt: "Andererseits liebte er sie doch nicht, denn er sehnte sich bloß nach ihr." Doch tut oder tat er das wirklich? Eher schon gleicht dieser Text einem "sich selbst fahrenden System". Irgendwie stolpern die Wörter der Zweieinigkeit blind hinterher. Der Erzähler strandet in trüben Winternächten an unwohnlichen Bahnsteigen. Er verbeißt sich wie ein gelehrter Köter in kuriose Komposita, so in das Leipziger Mahnmal zur Niederringung Bonapartes: ein "Schlachtmondvölkervolldenkmal!" Doch was weiß schon ein Subjekt, das niemals klüger zu sein beansprucht als seine Sprache: "Ein Unterwegssein ist immer woanders." In Romanen wie "Liebeserklärung" findet die Literatur zu sich. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe, 27./28. 9.2003)

Von Ronald Pohl

Hinweis

Michael Lentz liest am 29. 9. um 19 Uhr in der Alten Schmiede (Schönlaterngasse 9, 1010 Wien) unter anderem aus dem besprochenen Roman.

  • Michael LentzLiebeserklärung € 16,90/190 Seiten.  S. Fischer, Frankfurt/Main 2003
    foto: buchcover

    Michael Lentz
    Liebeserklärung
    € 16,90/190 Seiten.
    S. Fischer, Frankfurt/Main 2003

Share if you care.