Rumäniens erster König kam inkognito

20. Oktober 2003, 12:35
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Obwohl Spielball der Großmächte, erlangten die Rumänen durch diplomatisches Geschick die volle Souveränität und ein geeintes Königreich

Im 18. Jahrhundert wurden die beiden Donaufürstentümer zum Einfallstor für die russische Balkanpolitik. Die orthodoxen Rumänen fühlten sich den Russen zunächst verbunden. Der Sultan musste um die türkische Oberhoheit über Walachei und Moldau fürchten. Er setzte anstelle der einheimischen Fürsten ihm ergebene griechische Höflinge und Verwaltungsbeamte als Hospodare ein, die nach dem griechischen Viertel in Konstantinopel so genannten Fanarioten - ab 1711 über die Moldau, ab 1716 auch über die Walachei. Die Fanariotenherrschaft dauerte ein Jahrhundert, die meisten der neuen Herren kamen mit großem Gefolge und vor allem in der Absicht, rasch reich zu werden.

In den Kriegen Österreichs und Russlands gegen die Türken hielten sich die Großmächte zulasten der Rumänen schadlos: 1774 wurde die moldauische Bukowina von Österreich annektiert, die Russen erzwangen vom Sultan ein Schutzrecht über die orthodoxen Bewohner und wollten sich zu Napoleons Zeit beide Fürstentümer einverleiben. Allerdings mussten sie sich beim Wiener Kongress mit Bessarabien - dem heutigen Moldawien, also ein zweites Land Moldau - begnügen; sie setzten aber auch durch, dass in den zwei Fürstentümern wieder einheimische Landesherren an die Spitze traten.

Die revolutionäre Welle des Jahres 1848 erfasste auch das rumänische Volk. Junge Nationalisten forderten in der Moldau Reformen, der Fürst lehnte dies aus Angst vor den Russen ab, die Anführer flüchteten nach Österreich oder wurden in die Türkei abgeschoben. Aus der Walachei wurde der Fürst vertrieben, eine Revolutionsregierung erklärte das russische Protektorat für beendet. Auf Verlangen Russlands mussten türkische Truppen die "Ordnung" wiederherstellen. Im habsburgischen Siebenbürgen waren die Verhältnisse noch komplizierter. Die Rumänen des Landes sahen im Bekenntnis zum Herrscherhaus eine Chance, ihre rechtlose Situation zu beenden - sie wandten sich gegen die ungarische Revolution. Am 15. Mai 1848 kam es bei Blaj/Blasenburg, auf dem Campia Libertatii ("Freiheitsfeld") zu einer Versammlung von 40.000 Menschen, die sich von der Verbindung Transsilvaniens mit Ungarn lossagten; auch die Siebenbürger Sachsen traten dafür ein. Es war sozusagen eine Revolution in der Revolution, es kam zu Kämpfen mit den Truppen Kossuths, der deutsche Pfarrer Stephan Ludwig Roth war einer unter den von den Ungarn als Aufrührer Erschossenen. Nach der Niederschlagung der ungarischen Revolution durch die Russen wurde Siebenbürgen vom jungen Kaiser Franz Joseph von Ungarn getrennt, aber nur bis zum "Ausgleich" von 1867. Wie überall in den ethnisch nicht ungarischen Teilen des Königreichs setzte danach auch in Transsilvanien eine scharfe Magyarisierung ein.

Der siegreiche Krimkrieg Englands, Frankreichs und der Türkei gegen Russland erlaubte den Rumänen, die russische Schirmherrschaft abzuschütteln. Die nationale Bewegung in den beiden Donaufürstentümern war erstarkt und drängte auf deren Vereinigung. Österreich hatte Bedenken, Frankreich hingegen begünstigte diese Bestrebungen. Die Vereinbarungen der Großmächte hatten vorgesehen, dass sowohl in der Moldau als auch in der Walachei neue Fürsten zu wählen seien. Die rumänischen Nationalisten tricksten die Mächte aus, indem zwar sowohl in der Moldau als auch in der Walachei gewählt wurde - aber derselbe Alexandru Ioan Cuza, ein nationalliberal gesinnter Oberst. Auf Druck Frankreichs, wo Napoleon III. bei den "Lateinern" die günstigsten Voraussetzungen für eine Einflusssphäre in Südosteuropa sah, fand sich der Sultan damit ab, dass aus der Personalunion ein einheitlicher Staat werden sollte - zum ersten Mal wurde für diesen der Name "Romania" offiziell gebraucht. Und dessen neue Flagge wurde, dem französischen Vorbild folgend, die blau-gelb-rote Trikolore.

Cuza wollte sein rückständiges Land an westeuropäische Verhältnisse heranführen. Durch Säkularisierung der orthodoxen Klöster und Beschneidung des Großgrundbesitzes wurde den kleinen Bauern Ackerland zugeteilt. Das machte Cuza im Volk populär, erregte aber den Widerstand der Bojaren. Es bildeten sich zwei Parteien heraus, Liberale und Konservative. Diese zwangen Cuza durch einen Staatsstreich, ins Exil zu gehen.

Sowohl den Russen als auch den Türken war Cuzas Reformweg ein Dorn im Auge, weil er sich als beispielgebend für die Verhältnisse in ihren Reichen auszuwirken drohte. Sie wollten die Vereinigung der zwei Fürstentümer rückgängig machen. Das war keineswegs im Sinn der zur Nation erwachten Rumänen, und auf Anraten Napoleons III. fanden sie in der Berufung eines europäischen Fürsten auf den Thron einen Ausweg. Die Wahl fiel auf Karl von Hohenzollern-Sigmaringen. Da sich Österreich 1866 mit Preußen im Kriegszustand befand, musste er unter anderem Namen nach Rumänien reisen. Am 10. Mai 1866 legte er in Bukarest vor der Nationalversammlung den Eid auf die Verfassung ab. Mit den preußischen Fachleuten, die Karl ins Land rief, stärkte er durch Reformen die Armee, auch die erste Eisenbahnstrecke - von Bukarest zum Donauhafen Giurgiu - wurde gebaut. Carol I. heiratete die Prinzessin Elisabeth von Wied, die als Carmen Sylva die rumänische Literatur mit ihren Übersetzungen bekannt machte. Wie schon in Siebenbürgen üblich, wurde nun für die Schreibung des Rumänischen die von der Kirche gepflogene kyrillische Schrift durch die lateinische ersetzt.

Noch immer stand Rumänien unter der Oberhoheit des Sultans. Als 1877 Russland der Türkei den Krieg erklärte, wurden die russischen Truppen von den Rumänen unterstützt. Durch den Friedensvertrag und den Berliner Kongress erhielt Rumänien seine volle Souveränität und mit der Dobrudscha den Zugang zum Schwarzen Meer. Am 10. Mai 1881 wurde Carol I. zum König von Rumänien gekrönt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28. 9. 2003)

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