Einer kam durch

29. September 2003, 10:07
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Die Hunde-&-Katzen-Misere in unseren südlichen Urlaubsländern nimmt kein Ende

Eine kläglich miauende Mülltonne? Zum Glück gingen die Zakynthos-Urlauber dem Rätsel auf den Grund und fischten ein Häufchen Elend aus dem Abfall: einen winzigen Katzenwelpen, halb erblindet, mit Katzenschnupfen und über und über bedeckt mit Hautpilz. "Der Tierarzt vor Ort meinte, ein Auge müsste entfernt werden. Aber ich habe gesagt, das lasse ich dann in Wien machen!", erzählt Eve- lyne Wilhelmseder, die den Kleinen gemeinsam mit Tochter Kyra aufpäppelt. "Aber jetzt haben wir die Augeninfektion schon gut im Griff."

Seine blauen Augen hat er noch, der spindeldürre Findling, aber Haare musste er lassen. Um die Pilzinfektion behandeln zu können, wurde er geschoren und sieht jetzt aus wie eine noble Rex-Rassekatzen mit dem Persianerpelz.

Der Kleine hatte Glück, seine Geschwister sind wahrscheinlich unterm Müll erstickt. Und selbst wenn sie nicht wie er dort gelandet sind, erwartet sie nichts Gutes. Denn wenn die letzten Touristen abreisen, beginnt in den Ferienparadiesen im Süden das große "Saubermachen": Nach der Saison würden die unzähligen streunenden Hunde und Katzen ohne die "milden Gaben" der Urlauber den Winter ohnehin nicht überleben. Und so werden sie wie jedes Jahr beseitigt: vergiftet, erschlagen, ersäuft.

Tierschutzinitiativen beklagen alle Jahre wieder die grausame Praxis, doch in vielen südlichen Nachbarstaaten fehlt der Mehrheit das "Wir-Gefühl" Tieren gegenüber, Mitleid mit der Kreatur ist einfach nicht Usus.

Manche führen die Kälte, mit der Tiere in den Mittelmeerländern häufig behandelt werden, aufs romanische Erbe zurück: Im alten Rom waren Tierhatzen ja ein beliebtes Vergnügen. Tatsache ist, dass der Vermehrung der Tiere kaum Grenzen gesetzt wird: Kastrationen sind ein Luxus, den sich kaum einer leistet. "Überzähliges" Getier wird sich selbst überlassen oder wie das oben genannte Katerchen einfach "entsorgt".

Selbstverständlich gibt's auch in Griechenland, Spanien oder Zypern mildtätige Seelen, die versuchen, das Elend zu lindern: Oft sind's "zugereiste" Ausländer, manchmal aber auch Einheimische - und so gut wie immer Frauen. Die plagen sich dann ab, betreiben mit geringsten Mitteln Tierheime, kratzen Spenden zusammen für Kastrationen und tierärztliche Behandlungen. Wer im Süden urlaubt und auf eine solche Initiative stößt, sollte helfen: eine gute Flasche Wein weniger konsumieren, ein üppiges Abendessen ausfallen lassen und die entsprechende Summe in eine Spende investieren.

Natürlich kann man einer armen Kreatur auch Asyl gewähren: Für den Import nach Österreich brauchen Hund und Katze nur eine Tollwutimpfung. Aber einzelne Tiere zu "retten" ist nur bedingt wirksam: Um das Elend an der Wurzel zu packen, wären ein generelles Umdenken in den entsprechenden Ländern und auch gesetzliche Maßnahmen nötig. Immerhin sind diese Länder alle Mitglieder der Europäischen Wertegemeinschaft, die ja angeblich hehre Ziele hat. Doch derzeit gibt's kein EU-Projekt "Humanes Haustiermanagement in den Mittelmeerstaaten", dafür wird der spanische Stierkampf gefördert. Was bleibt, ist die Privatinitiative mündiger Bürger: nicht wegschauen, helfen, sich beim Reiseveranstalter über inhumanes Verhalten beschweren. Für Letzteres ist gerade jetzt, nach der Saison, der richtige Zeitpunkt. (Andrea Dee/DERSTANDARD, Printausgabe, 27./28.9.2003)

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