Stöhnen im Park

3. Oktober 2003, 15:58
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Von Daniel Glattauer

Wien - Aus dem Jahrhundertsommer ist noch die Geschichte vom erhitzten Gemüt des Doktor R. im Ruhestand nachzutragen, dem der Schlaf nicht vergönnt war, weil es aus dem Park unter seinem Fenster bei 30 Grad unentwegt stöhnte.

"Und da haben Sie sich eines Nachts auf die Lauer gelegt", sagt die Bezirksrichterin. Ihr abschätziges Lächeln irritiert ihn. "Ich habe nach dem Rechten gesehen, gnä' Frau", sagt der Altmediziner. - "Gemeinsam mit Ihrem Revolver." - "Zur Sicherheit, gnä' Frau, man weiß ja nie, nachts im Park." - "Eine Waffe, die Sie nicht führen dürfen." - "Ich habe sie nicht geführt, sondern nur gehalten, gnä' Frau." - "Hören Sie auf, mich gnä' Frau zu nennen!", befiehlt die Richterin.

Der pensionierte praktische Arzt wird wegen verbotenen Waffenbesitzes zu drei Monaten bedingter Haft verurteilt. Er hat Glück, denn das junge Liebespaar hat sich von ihm nicht sonderlich bedroht gefühlt. "Ein Spanner halt", attestiert Monika, "der hat uns sicher schon eine Weile beobachtet." "Was haben Sie gemacht?", fragt die Richterin. "Uns geküsst und so, eh nix Arges", sagt die Zeugin. "Und dabei gestöhnt?" - "Laut war es sicher nicht", meint das Lehrmädchen, "aber wenn einer so was hören will, dann hört er es auch."

Ihr Freund Ronny hat dann jemanden aus dem Gebüsch treten gesehen. "Ein alter Mann, der uraufgeregt" war, erinnert sich der Schüler, "und der ur geschimpft hat." Inhaltlich ging es um den "sittlichen Verfall der Jugend", um "Verwahrlosung" und "Ausschweifung". Dazu habe er mit der Waffe herumgefuchtelt, allerdings habe er sie verkehrt gehalten, mit dem Schaft nach vorne. Das Paar zog ab, schlich dem Rentner aber nach, merkte sich das Haustor und meldete den Vorfall der Polizei.

"Es ist eine Schande, dass ich hier stehe", meint der Doktor: "Ich hab die ganze Siedlung von der Ruhestörung befreit." - "Außer Ihnen hat keiner was gehört", relativiert die Richterin.

(DERSTANDARD, Printausgabe, 27./28.9.2003)

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