Krank gespart

8. Oktober 2003, 09:58
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Will man den Pflegenotstand an allen Ecken und Enden prolongieren, dann braucht man nur so weitermachen - Von Monika Bachhofer

Ich weiß gar nicht, von welchen Sparmaßnahmen sie eigentlich sprechen", wehrte Wiens Bürgermeister Michael Häupl kürzlich bei einer Sitzung des Wiener Sondergemeinderates den Vorwurf des Sozialabbaus heftig ab. Nun, Non-Profit-Vereine könnten ihm locker auf die Sprünge helfen. Sie bekommen immer weniger Subventionen und fürchten daher, ihre alte und kranke Klientel quasi nur mehr im Akkord pflegen zu können, um die Arbeitszeit billig zu halten.

Es ist ja sparen angesagt. Auch wenn es ökonomisch blanker Unfug ist. Schränken Bund und Länder die Budgets für die Hilfsvereine ein, kommt es unterm Strich viel teurer. Sozialexperten gehen davon aus, dass ein Pflegebett in einem Altersheim um rund ein Drittel mehr kostet als die Hilfestellung zu Hause, wo auch noch die - überwiegend weibliche - Verwandtschaft Gratishilfe leistet.

Freilich entwickeln auch die Hilfsorganisationen in ihrer Bredouille wenig Fantasie. Den Verwaltungsaufwand haben wir auf ein Minimum zurückgefahren, jetzt kann nur noch der Druck ans Personal weitergegeben werden, lautet deren so nahe liegendes wie kontraproduktives Norm-Rezept.

Sollten sich die Vereine künftig nicht einmal auf einen österreichweit geltenden kollektivvertraglichen Mindestlohn von 1308 Euro (brutto, versteht sich) einlassen, wird der Anreiz einen extrem stressigen, mit wenig Sozialprestige ausgestatteten Job anzunehmen, weiter schwinden. Da können Experten noch so dringend mahnen, dass in Österreich den mehr als 300.000 Menschen, die zu Hause Unterstützung brauchen, zu wenige Helfer zur Verfügung stehen. 2010 werden rund 13.000 fehlen.

Will man den Pflegenotstand an allen Ecken und Enden prolongieren, dann braucht man nur so weitermachen.

(DERSTANDARD, Printausgabe, 27./28.9.2003)

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