Volkstheater Voest

12. Oktober 2003, 18:22
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Die großen Komödien werden mittlerweile auf dem politischen Parkett inszeniert, nicht im Theater - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Das Wiener Burgtheater sei bei der Wahl der "deutschsprachigen Bühne des Jahres" schon länger nicht mehr dabei, konstatiert die NZZ Mitte September. Dies hänge wohl damit zusammen, dass die großen Komödien mittlerweile auf dem politischen Parkett inszeniert würden. Das aktuelle Stück: Die Voest-Privatisierung. Es treten auf: ein Landeshauptmann, ein Konzernchef, ein Finanzminister, die Wiener Börse, eine Staatsholding, Politiker, Gewerkschaftsfunktionäre und 23.000 Mitarbeiter. Die gesamte ausländische Presse berichtet süffisant, und im Inland ist wieder von "Ausverkauf" die Rede.

Die Fakten zeigen ein anderes Bild: Mit einem Verhältnis von Marktwert zu Buchwert von 0,7 liegt die Voest im Mittelfeld - weit über Corus und Salzgitter, knapp unter ThyssenKrupp und Arcerlor. Hätte mehr erzielt werden können? Selbstverständlich, wenn man ohne politische und sonstige Nebenbedingungen an den bestbietenden strategischen Investor hätte veräußern können. Hypokritisch ist daher die Diskussion - und hochkompliziert die Aufgabe: Will man Einfluss und Kontrolle im Inland bewahren und den hiesigen Kapitalmarkt fördern, so muss der Staat auf höhere Verkaufserlöse verzichten.

Interessant dabei: Als die Voest 1998 die Preussag kaufen wollte, war die Aufregung hierzulande groß, weil Gerhard Schröder - die Landtagswahlen standen kurz bevor - den "Verkauf ans Ausland" verhinderte. Das ganze "Verwirrspiel" lenkt aber von einer viel spannenderen Frage ab: Wer ist eigentlich der "beste" Eigentümer? Drei Kriterien helfen, eine Antwort zu finden:

1Interessenkongruenz: Laut der Property-Rights-Theorie sollten die Unternehmen immer jenen gehören, die davon den wertvollsten Gebrauch machen. In Wissensindustrien - wie in der Softwarebranche oder der Beratung - sind es die Mitarbeiter. In sensiblen Grundversorgungsbereichen ist es der Staat. In Brachen, die im globalen Wettbewerb stehen, z. B. Stahl oder Telekommunikation, bringt allerdings der Staat keine Vorteile und schon gar keine Garantie. Kein Wunder, dass rund um den Globus privatisiert wird - im Wert von 850 Mrd. Dollar allein im vergangenen Jahrzehnt. Die Vorteile sind erwiesen: um vier Prozent höhere Profitabilität und gar um 26 Prozentpunkte höhere Effizienz nach der Übergabe.

2Transparenz der Strukturen: Die laufende Corporate-Governance-Diskussion bestätigt immer wieder, dass Intransparenz mit einem Abschlag bestraft wird. So trat nach Bekanntwerden einer mündlichen Vorkaufsregelung mit dem Land Oberösterreich ein Wertverlust von 320 Mio. Euro innerhalb einer Woche ein.

3Zielkonsistenz - innerhalb der Eigentümerschaft und zwischen Eigentümer und Management: Wie kann ein Unternehmen am "freien Markt" profitabel wachsen, dem gesamtwirtschaftliche oder politische Interessen wie Arbeitsplatzsicherung oder Erhalt der Wirtschaftsstruktur aufgebürdet werden? Wenn Eigentümer an entgegengesetzten Enden eines Strangs ziehen, gibt es mindestens einen Verlieren: das Unternehmen. Solche Interessengegensätze gibt es nicht nur bei Firmen mit Staatsanteil - sie sind auch bei Familienunternehmen, wie Palmers und Bahlsen, gang und gäbe. Erfolgreiche Privatisierungen zeichnen sich laut Weltbank-Studie durch fünf Faktoren aus: klares politisches Commitment, Sicherstellung optimaler Wettbewerbsbedingungen, Schnelligkeit, Prozesstransparenz und nur kurzfristige Abfederung möglicher negativer sozialer Folgeeffekte. Für die noch anstehenden Privatisierungen wird unser Schauspielensemble doch noch weiterüben müssen. Dafür werden Kapitalmarkt und (internationale) Öffentlichkeit definitiv Applaus spenden.

Nachlese

->Manna vom Osten
->Es lebe die "Diktokratie"
->Goodbye Gurus?
->Wohlstand für viele Menschen
->Höchst gesunde Aussichten
->Die hohe Kunst des Ausruhens
->"...hominis est errare...
->Europas Zukunft sieht alt aus
->Sind Optionen keine Option?
->Brand It Like Beckham
->Jazz statt Symphonie
->Erfolg=Wissen mal Fähigkeiten
->Wozu braucht man Berater?
->Veränderungs-Dilemma
->Ein Plädoyer für Strategie
->Wenn Manager autistisch werden
->Sag mir, wo die Frauen sind ...
->Ich google - Sie auch?
->Die Demokratisierung des Luxus
->Abschied von der AG?
->Die Geheimnisse des Phoenix
->Siegen à la Alinghi
->Anleitung zum Glücklichsein
->Die Suche nach dem Mehr
->Lust auf Leistung
->Eine doppelte Melange
->Sei willkommen Krise?
->"Denk' ich an Deutschland..."
->Gegen die Endzeit-Stimmung

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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