Das tapfere Schneiderlein

6. Oktober 2003, 18:46
28 Postings

Ein Kommentar von Michael Völker

"Bist du so ein Kerl?", sprach er und musste selbst seine Tapferkeit bewundern. "Das soll die ganze Stadt erfahren." Und in der Hast schnitt sich das Schneiderlein einen Gürtel, nähte ihn und stickte mit großen Buchstaben darauf "Siebene auf einen Streich!"

Seit Wolfgang Schüssel 1999 das historisch schlechteste Wahlergebnis der ÖVP einfuhr und sich mithilfe der FPÖ dennoch zum Bundeskanzler machen ließ, konnte die Volkspartei einen Wahlsieg nach dem anderen verbuchen. Am Sonntag wird sich Schüssel Nummer sechs und sieben auf seinen Gürtel sticken können: Nach der Nationalratswahl 2002, bei der die ÖVP auf Platz eins vorrückte, und den Zugewinnen bei den Landtagswahlen in der Steiermark, im Burgenland, in Wien und in Niederösterreich dürfte die ÖVP auch in Oberösterreich und Tirol erneut an Stimmen zulegen.

Schüssel selbst sieht sich wohl lieber in der Rolle des kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry, tatsächlich hat er mehr Ähnlichkeiten mit dem tapferen Schneiderlein der Brüder Grimm. Wie auch Schüssel ("Opposition bei Platz drei") täuschte das fleißige, aber geizige Schneiderlein seine Umwelt, als es in die Welt hinauszog, um mit allerlei List und Tücke Riesen, Einhörner und Wildschweine zu übertölpeln, um sich zum König machen zu lassen.

Im Übrigen ließe sich noch eine Parallele strapazieren: Die Prinzessin, mit der das Schneiderlein nach einer Hochzeit "mit großer Pracht und kleiner Freude" schließlich das Bett teilte, war durchaus unglücklich, als sie merkte, "in welcher Gasse der junge Herr geboren war".

Die Intrige der Prinzessin scheiterte an der Schlauheit des Schneiderleins, und Schüssel blieb Bundeskanzler. Die Erfolge in den Bundesländern wird er zwar auch als Bestätigung für sich und seinen Kurs verbuchen, und sie stehen nur scheinbar im Widerspruch zum gegenwärtigen Bundestrend, maßgeblich am Erfolg beteiligt sind aber die Protagonisten vor Ort. Auch und erst recht in Oberösterreich und in Tirol.

In Oberösterreich gibt es den Josef Pühringer, der als Landesvater eine gewisse Glaubwürdigkeit besitzt und der seine parteiinternen Kontrahenten so weit wegsetzte, dass er sich den Rücken stets freihalten konnte. Der Wirbel um den Voest-Verkauf schadete ihm zwar, ein deutliches Plus wird sich aber ausgehen.

Mit seinem Stellvertreter als Landeshauptmann, dem roten Landesvorsitzenden Erich Haider, ist Pühringer allerdings ein unangenehmer Gegner im Land erwachsen - der ihm allerdings bald wieder abhanden kommen könnte: Während man Pühringer durchaus abnimmt, keinerlei Interessen auf ein Engagement außerhalb der Landesgrenzen zu haben, dürfte sich Erich Haider mit einem kräftigen Plus für eine tragende Rolle auf Bundesebene empfehlen. Charme und Charisma sind zwar nicht seine höchsten Tugenden, er hat aber ein gutes G’spür für die richtigen Themen, für das, was die Bevölkerung interessiert und betrifft - und er hat einen gesunden Zug zur Macht.

In Tirol hat das populistische Raubein Herwig van Staa vor allem eines: keine Gegner. Einen Hannes Gschwenter - das ist der SPÖ-Landesvorsitzende - kennt man außerhalb Tirols praktisch nicht. Dank der blauen Keilereien in Tirol wird aber auch die SPÖ zulegen können, trotz der Übermacht van Staas.

Und die Prinzessin? Sie hat zwar dem Schneiderlein zu seiner Krone verholfen, ist aber kein Kind besonderer Anmut oder Schönheit. Der FPÖ werden sowohl in Oberösterreich als auch in Tirol Verluste von mehr als zehn Prozent prognostiziert, damit wären die Freiheitlichen auf Landesebene auf jenes Niveau zurückgestutzt, auf dem sie sich seit Knittelfeld und den Neuwahlen 2002 auf Bundesebene bewegen.

Das ist gewiss ein schmerzlicher Prozess, kommt für die FPÖ aber nicht unerwartet. Manche Funktionäre werden zwar wieder umso lauter nach dem Jörg rufen, der Bund mit dem Schneiderlein wird aber halten. Auch wenn dieses ganz schön gemein sein kann. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28.9.2003)

Share if you care.