Birgit Jürgenssen 1949–2003

3. Oktober 2003, 12:01
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Die Künstlerin erlag einem Krebsleiden

Wien – Ich weiß nicht nannte sie eine ihrer letzten Ausstellungen. Das war im November 2001 in der Galerie Hubert Winter. Früher oder Später nannte Birgit Jürgenssen 1998 eine Zusammenschau ihrer Arbeit im Oberösterreichischen Landesmuseum. Vergangenen Donnerstag ist Birgit Jürgenssen in Wien gestorben. Jeder hat seine eigene Ansicht, steht auf ihren Rücken geschrieben, den sie uns noch einmal zeigen wollte. Zum Abschied. Zur Erinnerung an viele Bilder.

Bilder von sich, die sie erfunden oder vorgefunden hat. Bilder, um bloßzulegen, was und wer sich einschreibt, prägt, manipuliert, braucht, missbraucht, liebt, verachtet, vorbeigeht, hängen bleibt, begehrt, ihr abverlangt, sie in Beschlag nimmt, sie erfüllt. Bilder, sich täglich von neuem selbst zu (er-)finden. Als Vergewisserung des Seins, als Möglichkeit, sich nicht im Grau zu lösen, nicht im Alltag zu vergehen, nicht nachzugeben und hinzunehmen.

Stellvertretend hat sie ihren Körper publik gemacht, ihre Haut gegeben, für uns die unzähligen Projektionen aufzufangen, die auf sie, die auf jede Frau gerichtet sind. Ich weiß nicht, wusste sie, ist jener Satz, der all den Helden fehlt, die täglich diese Welt vernichten. Woman's work is never done, wusste sie auch, und sezierte lächelnd weiter am Gesellschaftskörper, obwohl sie doch mit Lawrence Weiner schon einen Mann auf die Seite der Damen gebracht hat. Ein Etappensieg. Zu wenig.

Ich weiß nicht, wusste sie, ist der einzige Zustand, Zukunft zu ermöglichen, die Weigerung, sich festzulegen, der entscheidende Schritt in Richtung Morgen, der Verzicht anzuklagen, der Weg, Gerechtigkeit zu installieren.

Birgit Jürgenssen hat in Konstellationen gedacht, in den Beziehungsfeldern gegraben, die sich zwischen den Geschlechtern und ihren so opponierenden Ding- und Symbolwelten aufbauen. Mit ihrem Körper als Mittler, nicht als abzubildendes Objekt, sondern als Gegenstand der Beziehung mit anderen, als Projektionsfläche sozialer Ordnungen, als Ziel männlicher Obsessionen, als Rezeptor von Lust und Schmach, als zugleich Manipulierter und Manipulierer.

Reflexionen auf den Mythos der Macht männlichen Wunschdenkens haben sie dorthin gebracht, die angewiesene Rolle der Verführten nicht länger hinzunehmen, sondern ihrerseits zu verführen. Wer in ihrer Arbeit Realität sucht, wird Illusion finden, wer manisch den Schleier zu lüftet trachtet, den Verlust der Sinnlichkeit erfahren müssen.

Birgit Jürgenssen hat uns nachhaltig verzaubert, uns bestärkt, Zweifel zu hegen. (mm/DER STANDARD, Printausgabe, 27./28. 9.2003)

  • Bilder, die Zukunft zu sichern: Bestandsaufnahmen, Zauberformeln.
    foto: jürgenssen

    Bilder, die Zukunft zu sichern: Bestandsaufnahmen, Zauberformeln.

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