Sparkurs als Stimmungskiller

30. September 2003, 18:07
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Ausgerechnet vor einer der größten Unireformen der letzten Jahrzehnte herrscht Finanznot an den Hochschulen

"Der Finanzminister will zu diesem Thema kein Interview geben", sagt sein Pressesprecher. Wunder ist das keines: Jubelmeldungen über die Universitäten kann derzeit beim besten Willen niemand verbreiten. Die hohen Schulen stöhnen unter akutem Geldmangel. Weder kann neues Personal aufgenommen werden noch in technische Geräte investiert werden. Teilweise ist der Buchankauf gestoppt, andere sparen beim Putzen.

Und das alles vor dem Hintergrund eines völligen Umkrempelns der Universitätsorganisation. Der Sparkurs wirkt als Stimmungskiller für die Reform. "Eine politische Dummheit der Sonderklasse", meint ein Insider. Da nützt auch das Argument nichts, dass bis auf das Bundesheer heuer alle Bereiche den Gürtel enger schnallen mussten. Als eine Art Feuerwehraktion hat die Bildungsministerin für heuer sogar noch 15 Millionen Euro lockergemacht, um die Kosten der Umsetzung des neuen Universitätsgesetzes zu bedecken. Letzte Woche wurden auch die Forschungsförderungsmittel aufgestockt. Für die nächsten drei Jahre ist überdies ein deutlich höheres Budget fixiert. Doch das Porzellan ist bereits zerschlagen.

Die depressiv-resignative Stimmung ist bis zu den Studenten gedrungen. Der STANDARD hörte sich an den Inskriptionsschaltern um: "Außen hui, innen pfui", sei das Motto an der Uni, so etwa Arabistikstudent Andreas angesichts der Fassadenrenovierungen an der Wiener Hauptuniversität und am Neuen Institutsgebäude. Er, der selbst Studienanfänger berät, meint, "geldmäßig" schaue es derzeit "ganz schlecht" aus. Vorlesungen seien finanziell nicht abgesichert, es gebe gestaffelte Anmeldefristen.

In der Nähe gehen vier Studienanfänger die Vorlesungspläne ihrer gerade inskribierten Studienzweige durch und diskutieren, in welche Übung sie noch aufgenommen werden könnten. Das scheint für viele Studenten derzeit die größte Schwierigkeit zu sein: Einen begehrten Platz in einem Seminar zu ergattern gleicht einem Wettbewerb, wo es um Sekunden geht.

"Die Universität ist ja nun modern", sagt Medizinstudent Stefan mit einem ironischen Grinsen. Schließlich kann man sich mittlerweile online zu Übungen anmelden – zumindest theoretisch. Ein Freund von ihm, Student an der Wirtschaftsuniversität, wollte sich mitten in der Nacht zur vorgeschriebenen Anmeldezeit einloggen. Nach einer Minute brach das ganze System zusammen. Er muss nun ein Semester auf die nächste Chance warten.

Zeit ist aber Geld: "Seit zwei Jahren zahlen wir Studiengebühren, und ich frage mich, wohin das Geld fließt. Warum heißt es immer, dass kein Geld da ist?", ärgert sich ein Studienkollege. Ein anderer mutmaßt, dass die Publizistik "bei der Gehrer sowieso unten durch" sei. "Ein wöchentlicher Frontalunterricht vor 500 Studenten kann ja wohl nur eine absolute Notlösung sein. Infrastrukturell sei manches wie zu "besten DDR-Zeiten".

Verschiedene Banken werben in der Hauptuniversität seit vier Wochen um die Studenten: Studiengebühren, Wohngeld kann man gewinnen, und am besten sollte jeder gleich ein Studentenkonto eröffnen. Vor der Studien- und Prüfungsabteilung stehen die Studienanfänger indessen in einer meterlangen Schlange. "Je früher man morgens da ist, desto schneller geht es", meint die BWL-Studentin Zehra. "Ich dachte immer, Studenten haben es leicht. Aber ich sehe jetzt, wie kompliziert das alles eigentlich ist. Man muss dauernd fragen, dranbleiben, sonst kommt man überhaupt nicht weiter." (Martina Salomon/Eva Bachinger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28.9.2003)

Noch mehr Informationen im UniStandard am 2. Oktober
  • Gedränge am Inspriptionsschalter: Der Studienbetrieb läuft wieder an
    foto: derstandard.at/nistl

    Gedränge am Inspriptionsschalter: Der Studienbetrieb läuft wieder an

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