Stimmung "so mies wie noch nie"

30. September 2003, 15:14
9 Postings

Jeder dritte neue ÖBBler verlässt die Bahn wieder binnen weniger Jahre - Vor allem Hochschulabsolventen und Facharbeiter suchen ihr Glück woanders

Wien - Die Stimmung unter den Mitarbeitern der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) ist nach der jüngsten öffentlichen Debatte offenbar nahe dem Nullpunkt. Von 1.230 Mitarbeitern, die von Jahresbeginn bis Juli 2003 aus dem Unternehmen ausgeschieden sind, sollen knapp 560 Mitarbeiter die Bahn aus eigener Initiative verlassen haben. Davon sollen mehr als 400 unter 40 Jahren sein. Rund ein Drittel der neu aufgenommenen Mitarbeiter steige bereits kurzfristig wieder aus, hieß es aus Unternehmenskreisen.

Die Einsparungsziele für heuer - angepeilt ist ein Personalstand von rund 47.500 Mitarbeitern (inklusive Personalvertretern, verleaster Mitarbeiter und Lehrlinge) hat die ÖBB damit bereits zur Jahresmitte übertroffen. Ende August gab es nur noch 47.132 ÖBBler.

Kaum noch qualifizierte Personen

Gegangen sein sollen vor allem Hochschulabsolventen im Planungsbereich, hoch qualifizierte Facharbeiter in den Werkstätten und junge Lokführer, die noch in der Ausbildung steckten. Auf der anderen Seite finde man für schwere, verantwortungsvolle oder exponierte Posten, die nachbesetzt werden müssten, kaum neue Leute, heißt es.

"Die Stimmung war noch nie so mies wie jetzt. So viele Abgänge haben wir noch nie gehabt", sagt der Chef der Eisenbahnergewerkschaft, Wilhelm Haberzettl. Mitarbeiter seien "verunsichert und verärgert über die Ahnungslosigkeit der Diskutanten", meint er. Kritik übt Haberzettl sowohl an der Politik als auch am eigenen Management.

Mitarbeiter fühlen sich ungerecht behandelt

Auch die Unternehmensführung übt allerdings deutliche Kritik an der öffentlichen Debatte. "Neben der Verunsicherung fühlen sich die Mitarbeiter durch die Diskussion auch ungerecht behandelt. Es ist spürbar, dass es darum geht, dass eine Berufsgruppe an den Pranger gestellt wird. Oft kommt es bereits zu direkten Diskussionen zwischen Kunden und Mitarbeitern", sagte ein Sprecher des Vorstands.

Zwar werde das Dienstrecht auch von den Mitarbeitern selbst teilweise kritisch gesehen. Was die ÖBBler verärgere sei aber, dass in der öffentlichen Diskussion nicht auch die Nachteile und Leistungen der Eisenbahner berücksichtigt würden. Außerdem gebe es auch noch andere Berufsgruppen mit Privilegien, über die man nicht debattiere, meint der Sprecher.

Haberzettl warnt unterdessen davor, dass den ÖBB eine Überalterung im Personal und damit ein deutlicher Anstieg der Personalkosten drohe. Schon jetzt liege der Altersdurchschnitt der Eisenbahner bei 43 Jahren. Durch den Abgang der Jüngeren werde die Situation noch verschärft. Die geplante Aufhebung des Kündigungsschutzes für unter 40-Jährige sei unter diesem Aspekt nicht sinnvoll, meint er.(APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    560 Mitarbeiter gingen bereits heuer freiwillig, weitere werden wohl folgen

Share if you care.