Böhler-Eilprivatisierung läuft

26. September 2003, 19:53
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Nach dem Schnellschuss bei der Voest will die ÖIAG bis Mitte November den Edelstahlkonzern Böhler-Uddeholm privatisieren

Wien - Börsenprospekte, die binnen weniger Wochen erstellt werden müssen, Roadshows im Akkord - mit der Fast-Vollprivatisierung der Voestalpine hat die Verstaatlichtenholding ÖIAG offenbar ihre Vorliebe für Eilprivatisierungen entdeckt. Objekt der Verkaufsbegierde ist diesmal Böhler-Uddeholm (BU), dessen 25-prozentiger Staatsanteil in der ersten Novemberhälfte über die Börse verkauft werden soll.

Spätestens bis zum US-Feiertag Thanksgiving Mitte November soll die ÖIAG-Sperrminorität Geschichte sein, erfuhr DER STANDARD von ÖIAG-Insidern. Denn danach breche bei den Investmentfonds die vorweihnachtliche Flaute aus und es lasse sich nichts mehr verkaufen.

Interessenten vermutlich institutionelle Investoren im Ausland

Als Käufer habe die Staatsholding, wie DER STANDARD bereits Anfang September exklusiv berichtete, institutionelle Investoren im In-und Ausland im Visier, wobei die Interessenten vermutlich überwiegend am internationalen Finanzparkett zu finden sein würden. Eine Mitarbeiterbeteiligung und ein Angebot für Privatanleger, wie zuletzt beim Voest-Börsengang, seien nicht geplant, sagen ÖIAG-Insider.

Indizien für einen Schnellschuss gibt es ausreichend: Bereits zu Sommeranfang, also vor fast drei Monaten, hat die ÖIAG die Investmentbank Morgan Stanley als "Lead Manager" des Börsengangs mandatiert. Und: Bei Böhler wird bereits intensiv an der Erstellung des Börsenprospekts gearbeitet. Was Böhler-Chef Claus Raidl am Freitag allerdings nicht bestätigte. Es gebe viele Gerüchte, man begrüße eine baldige Vollprivatisierung auch sehr. Aber noch sei nichts fix, sagte Raidl zum STANDARD.

Auch Rechtsanwalt Rudolf Fries, der die in der BU-Industriebeteiligungsholding versammelten Vierteleigentümer vertritt, will von der ÖIAG Signale in Richtung Vollprivatisierung bekommen haben. "Beabsichtigt ist, dass je nach Börsenlage noch heuer über die Börse verkauft wird. Das habe ich vom ÖIAG-Vorstand erfahren", zitiert die APA den Badener Anwalt.

Die Fries-Gruppe selbst scheidet mit ihren 25,6 Prozent als potenzieller Käufer übrigens aus, sie kann nur mehr ein paar Prozentpunkte zukaufen, sonst würde laut Übernahmegesetz ein Angebot an alle Aktionäre fällig. Dem Vernehmen nach hält man bereits über 26 Prozent.

Die ÖIAG wollte ihre Böhler-Verkaufspläne am Freitag nicht präzisieren. ÖIAG-Sprecherin Viktoria Kickinger bestätigte dem STANDARD jedoch, dass Böhler im Privatisierungskonzept für das Jahr 2003 stehe.

Formaler Beschluss ist noch ausständig

Der formale Beschluss ist noch ausständig, weder wurde der Privatisierungsausschuss damit befasst noch der ÖIAG-Aufsichtsrat, dessen nächste ordentliche Sitzung erst für 5. Dezember anberaumt ist. Einen Verkaufsbeschluss in einer außerordentlichen Sitzung herbeizuführen sollte aber kein Problem sein.

Nicht gerade erleichtert wird den ÖIAG-Vorständen Peter Michaelis und Rainer Wieltsch eine Veräußerung durch die allgemeine Unterbewertung von Stahlwerten an den internationalen Börsen. Wie die Voest würde auch Böhler unter ihrem Buchwert verkauft: Laut aktuellem Börsenkurs ist das BU-Paket nur 130 Mio. Euro wert - ein Umstand, der bei den ÖIAG-Chefs "Bauchweh" verursache, berichtet ein Insider.

Den Viertelanteil am Weltmarktführer für Werkzeugstahl an ein einzelnes Konsortium zu verkaufen und dabei einen höheren Preis ("Paketzuschlag") zu erzielen wäre zwar "erlösmaximierend", aber "sehr unwahrscheinlich". (Luise Ungerboeck, Der Standard, Printausgabe, 27.09.2003)

  • Nach der Voest will der Staat jetzt auch noch Böhler-Uddeholm los werden
    foto: boehler-uddeholm

    Nach der Voest will der Staat jetzt auch noch Böhler-Uddeholm los werden

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