Die Scharia aus nigerianischer Sicht

10. Oktober 2003, 11:50
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Einblicke in das Rechtsverständnis von Tausendundeiner Nacht - Kommentar der anderen von Ali Ahmad

Das islamische Recht braucht dringend Reformen - aber manchmal ist es gerechter als der Staat: Ansichten eines Juristen zwischen zwei Welten - und an der Grenze dessen, was nach westlichem Verständnis dem Toleranzprinzip der Meinungsvielfalt entspricht.

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Die Beziehungen zwischen Muslimen und Christen sind überall auf der Welt gespannt - aber nirgendwo stärker als in Nigeria mit seiner etwa gleich starken christlichen und islamischen Bevölkerung. Die Spannungen entzünden sich vor allem an der Scharia, dem religiösen Gesetz der Muslime.

Seit Ende 1999 haben zehn von 36 Staaten des Landes die Scharia als ihr öffentliches Rechtssystem angenommen. Dies hat einen Aufschrei wegen der strengen Strafen ausgelöst. Dazu gehören Handamputationen bei Diebstahl und die Steinigung von Frauen bei Ehebruch.

Als muslimischer Rechtsanwalt an einem Scharia-Gericht in Nigerias zweitgrößter Stadt ärgert mich die Verteufelung des islamischen Gesetzes seitens der Christen und Menschenrechtsaktivisten, weil die Scharia notorisch missverstanden wird. Aber als jemand, der amerikanisches Recht studiert und in Amerika gelehrt hat, sind mir die Fehler bei der Anwendung der Scharia bewusst, insbesondere im Umgang mit Frauen. Egal wie groß indes der Protest angesichts der Todesurteile gegen Ehebrecherinnen anschwillt, die Scharia kann man hier nicht fortwünschen. Islamisches Recht ist seit langer Zeit integraler Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens in Nigeria. Das wird so bleiben. Die Herausforderung an die Kritiker der Scharia ist, das islamische Gesetz zu modernisieren, und nicht, es aus dem öffentlichen Leben zu verbannen.

Die strengen Strafen der Scharia schlagen westlicher Rechtsauffassung ins Gesicht. Ich selbst habe diesbezüglich gemischte Gefühle. Theoretisch akzeptiere ich die Todesstrafe und sogar Amputationen, obwohl ich glaube, dass diejenigen, die die Scharia einführten, wenig Verständnis dafür zeigten, dass viele Verbrechen aus Armut und Verzweiflung geschehen. Meiner Ansicht nach sollte die Amputation bei Diebstahl nicht verhängt werden, solange die Armen in der Gesellschaft schlecht versorgt sind.

Dass das jüngste (mittlerweile aufgehobene) Todesurteil gegen Amina Lawal international verurteilt wurde, ist auch verständlich. Warum werden ausschließlich Frauen wegen Ehebruchs zum Tode verurteilt? Scharia-Gerichte legen fest, dass vier Zeugen einen Mann bei der Tat ertappen müssen, damit er überführt werden kann. Dieser Beweis ist so schwer zu erbringen, dass Männer nicht verurteilt werden. Solange die Scharia den Ehebruch nicht gleich behandeln kann, sollten keine Strafen verhängt werden. Die Erregung über sensationelle Fälle von Amputationen und Steinigungen verdeckt jedoch die Tatsache, dass der Großteil der Scharia Familienangelegenheiten und normales Handelsrecht betrifft. Ihre zügigen Verfahren sind dem Zivilrecht in einem Land wie Nigeria vorzuziehen, in dem Gerichte schlecht verwaltet werden und Prozesse, wenn überhaupt, nur mühselig vorankommen.

Es dürfte Nichtmuslime überraschen, aber einige nigerianische Christen ziehen es vor, ihre Fälle vor Scharia-Gerichte zu bringen: wegen der schnellen Bearbeitung, der Fairness und der verhältnismäßigen Unbekümmertheit gegenüber gesetzlichen Formfragen. Kürzlich erregte ein christlicher Autokäufer in Nigeria Aufsehen, weil er, nachdem ihn ein muslimischer Autoverkäufer betrogen hatte, ein Scharia-Gericht anrief. Innerhalb weniger Wochen obsiegte er - und bezahlte keine Gerichtsgebühren.

Zu oft beeinträchtigt die Scharia allerdings Christen: Christlichen Busunternehmen wird verboten, Männer und Frauen gemeinsam zu befördern. Christliche Kaufleute leiden unter dem Verbot des Alkoholverkaufs. Muslimische Politiker wissen, dass die Korruption unser Land umbringt, und trotzdem wenden wir die Scharia nicht auf Verfehlungen von Staatsbeamten an. Erst wenn das geschieht, wissen wird, dass Nigeria auf dem richtigen Weg ist.

In der islamischen Tradition ergibt sich die Reform der Scharia aus dem "Dschihad", einer kreativen und geistigen Anstrengung, das islamische Gesetz auf neue Umstände anzuwenden. Die Scharia erlebte ihre Blütezeit vor Jahrhunderten in einer Phase kreativer Gärung. Sie stagnierte aber, als spätere Generationen glaubten, Gesetze müssten sich nicht mehr den veränderten Verhältnissen anpassen. Die Zeit für eine Erneuerung ist gekommen. Wenn die Moslems wollen, dass die Scharia weiterhin eine zentrale Rolle in Nigeria spielt, dann müssen sie Wege finden, ihre rauen Kanten abzuschleifen. (Project Syndicate Übersetzung: H. Böttiger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.9. 2003)

Der Autor ist Rechtsanwalt im nigerianischen Kano, Dozent an der dortigen Universität und unterrichtete zuvor an der Emory University in Atlanta.
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    März 2002: Ein islamisches Gericht verurteilt Amina Lawal (im Vordergrund) wegen Ehebruchs zum Tod durch Steinigung. Das Berufungsverfahren endete mit Freispruch.
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