Lob für die heimische Kopftuchliberalität

28. September 2003, 19:33
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Das Bildungsressort will sich erst bei drohender "Indoktrinierung" einmischen

Wien - Österreich sei nach Großbritannien das zweitliberalste Land in Europa, sagt Anas Schakfeh, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft zum Standard: "In Österreich gibt es kaum Probleme mit dem Kopftuch. Die Gesetze sind eindeutig: Die Glaubensgemeinschaft bestimmt, was zur Religion gehört."

Schwierigkeiten gebe es lediglich in der Privatwirtschaft, wo das Kopftuch manchmal Grund für Nicht- anstellung oder Entlassung sei. Lehrerinnen dürfen hingegen "bedeckt" zur Arbeit erscheinen. Auch im Turnunterricht wurde eine Lösung für muslimische Schülerinnen gefunden: Sie verstoßen nicht gegen ihr Glaubensbekenntnis, wenn sie mit langer Hose, Rollkragenpulli und Haube sporteln. In England wurde sogar eine eigene Kopfbedeckung für muslimische Polizistinnen kreiert.

In Österreich hat man einzelne "Kopftuchkonflikte" bisher weit gehend friedlich gelöst: So wurde im Zuge von "Verhaltensvereinbarungen" an einer Schule ein Verbot von Baseballkappen ausgesprochen - doch die Kopftücher blieben trotz Elternprotests erlaubt. Das entspreche dem individuellen Grundrecht auf Religionsfreiheit, erklärt Werner Jisa, Leiter des Kultusamtes im Bildungsressort. "Der Staat kann sich in religiöse Vorschriften nicht einmischen." Die Liberalität müsse aber dort enden, wo "Indoktrinierung" drohe. Bei einer möglichen Propaganda müsste die Schulbehörde eingreifen.

Auch Verfassungsrechtlicher Heinz Mayer sieht die Grenze dort erreicht, "wo das Kopftuch als Indoktrinierung oder Zeichen der Geringschätzung verstanden werden müsste" - nicht nur könnte. Ohne entsprechendes Gesetz wäre das aber genauso problematisch wie in Deutschland, meint Mayer: "Die österreichischen Richter hätten wie die Deutschen entschieden: Ohne Gesetz ist es sicher unzulässig, das Kopftuch in Schulen zu verbieten." Die Menschenrechtskonvention erlaube "eine Beschränkung der Religionsfreiheit, wenn es zum Schutz der Allgemeinheit oder der Rechte anderer sei".

Anders sieht das die deutsche Feministin Alice Schwarzer: Sie warnt, "das Kopftuch und seine Folgen verharmlosend für eine Frage der ,Toleranz‘ zu halten". Es gehe um "die Trennung von Staat und Religion". (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 26.9.2003)

von Martina Salomon und Lisa Nimmervoll

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Zentrum für Türkeistudien (ZfT)

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    Mode für Kopftuchträgerinnen in Jakarta
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