Klonen und morphen in leeren Betten

25. September 2003, 19:16
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Martin Arnold über "Immer jagte er Blondinen", seinem Pas de deux von experimentellem Film und Tanzperformance

Was passiert, wenn sich experimenteller Film und Tanzperformance zum Pas de deux treffen? Der österreichische Filmkünstler Martin Arnold denkt im Gespräch mit Helmut Ploebst über Kriegsneurosen, maschinell bewegte Körper und Hollywoods Blockbuster-Armee nach.


STANDARD: Sie sind zurzeit in drei Tanzprojekte involviert. Die Wiener Choreografen Daniel Aschwanden und Willi Dorner haben Sie zur Zusammenarbeit eingeladen, und Sie planen ein Projekt mit der Tänzerin Anne Juren. Sind nicht eigentlich bereits Ihre Filme choreografisch angelegt?

Martin Arnold: Bei "pièce touchée" – dem Vorbild für Aschwandens Choreografie "Immer jagte er Blondinen" – habe ich menschliche Bewegung in Einzelbilder zerlegt. Ich ließ aufgrund dieser Partikel neue Bewegungen entstehen, die keiner natürlichen menschlichen Bewegung mehr entsprechen. Aschwanden will das Scheitern an der maschinell hergestellten Bewegung zeigen – man spielt nach, was eigentlich nicht nachgespielt werden kann.

STANDARD: Ein programmiertes Versagen ...

Arnold: Was geschieht, wenn menschliche Bewegungen von einer Maschine für die Wahrnehmung auf der Leinwand übersetzt und dann wieder für die Wahrnehmung auf der Bühne rückübersetzt werden? Da gibt es Kollisionen, Reibungen, Übereinstimmungen – diese Wechselwirkungen sind interessant für mich.

STANDARD: Ist das Spiel mit der Technik ein wichtiges Motiv dafür, dass Sie mit dieser Künstlichkeit zu arbeiten?

Arnold: Das Technische ist sehr präsent, aber die Filme sind so angelegt, dass sie inhaltlich lesbar und lebensnah bleiben: Tür öffnen und schließen, zögern, mit dem Finger auf eine Tischplatte schlagen. Ich bin einmal auf psychoanalytische Beschreibungen von Tics gestoßen. Dort heißt es etwa, dass, wenn eine Bewegung von einer zweiten überlagert wird, die einem anderen Impuls entspricht, ein Konflikt entsteht. Es gibt Studien aus dem Ersten Weltkrieg über Kriegsneurotiker, die in der Schlacht von einem Schützengraben in den anderen laufen sollten, wie erstarrt stehen blieben und nicht mehr vor oder zurück konnten – was fatal war.

STANDARD: Wird sich die Begegnung mit dem Tanz auf Ihre weitere Filmarbeit auswirken?

Arnold: Ich habe jetzt zum Beispiel mit Anne Juren Probematerial gedreht. Sie führt verschiedene Tänze aus. Was passiert, wenn der linke Teil des Körpers etwas anderes tanzt als der rechte oder wenn ein bewegungsloser Kopf auf einen sehr bewegten Körper gesetzt wird? Dieses Klonen interessiert mich.

Und eine zweite Idee, die noch enger bei "Immer jagte er Blondinen" liegt, ist das Morphen – eine Mischung aus Überblendung und geometrischer Transformation, wie sie zum ersten Mal mit Michael Jacksons Video "Black and White" bekannt wurde, wo Köpfe aus allen möglichen Ethnien ineinander fließen. Das reizt mich: bestimmte extreme Körperpositionen mit künstlichen, digitalen Übergängen zu verbinden.

STANDARD: In einem weiteren Projekt mit Willi Dorner – Titel: "[...]" – stellen Sie nicht nur einen Film zur Verfügung, sondern arbeiten mit dem Choreografen und dem Musiker Georges Aperghis zusammen.

Arnold: Dorner hat mich um einen filmischen Beitrag mit entleerten Sets gefragt, in dem sich die Körper nicht auf der Leinwand, sondern auf einer mehr oder minder entleerten Bühne befinden. Es gab ein Konzept, das sich mit Erscheinungen "jenseits der Szene" beschäftigte. Wir haben dann alle Möglichkeiten durchgespielt – bis zur Metapher des Obszönen – und sind auf den Pornofilm gestoßen.

Wir haben also Pornos recherchiert, das war herrlich. Ich fragte in einem Pornoladen, was der Unterschied zwischen billigen und teuren Pornos ist. Und die Antwort war: "In den teuren sind auch die Männer schön." Wir haben einen Film ausgesucht und die Schauspieler "gelöscht". Man sieht leere Sets, viele leere Betten mit Pölstern drauf. Dieser Film läuft parallel zu Dorners Choreografie, und wir suchen uns jene Momente, in denen man wirklich zwischen Tanz und Film hin- und herschalten kann. Vielleicht kann man den Filmbeitrag ja in Amerika bei einem Preis der Christlichen Anti-Porno-League einreichen, weil wir doch fast alles rausnahmen ...

STANDARD: Ist Ihre Arbeit auch filmkritisch?

Arnold: Der experimentelle Film wurde schon immer als Gegenbewegung zum gängigen narrativen Kino verstanden. Auch im Aufzeigen, dass man Bilder anders gestalten kann als im Kino oder im Fernsehen. Das ist gewissermaßen ein politischer Akt. Die Hollywood-Blockbuster sind sozusagen wie die US-Armee – und ein paar Irakis im Schützengraben sind dann jene, die versuchen, mit den Bildern etwas anderes zu machen. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.9.2003)

Service

"Immer jagte er Blondinen",
dietheater Künstlerhaus,
26./27. 9., 20.00;

"[...]",
Tanzquartier,
8., 9., 13.–16. 11., 20.30.

  • Martin Arnold, geboren 1959, arbeitet seit 1988 als freier Filmemacher. Gastprofessuren in den USA und in Europa. Ab 2004 wird Arnold, der für sein bisheriges Werk zahlreiche Auszeichnungen erhielt, einem Ruf an die State University of New York in Binghamton folgen. Bekannt wurde er durch Filme wie pièce touchée (1989), passage à l'acte (1993) und Alone. Life Wastes Andy Hardy (1998). 2002 war in der Kunsthalle Wien seine Ausstellung Deanimated zu sehen.
    foto: arnold

    Martin Arnold, geboren 1959, arbeitet seit 1988 als freier Filmemacher. Gastprofessuren in den USA und in Europa. Ab 2004 wird Arnold, der für sein bisheriges Werk zahlreiche Auszeichnungen erhielt, einem Ruf an die State University of New York in Binghamton folgen. Bekannt wurde er durch Filme wie pièce touchée (1989), passage à l'acte (1993) und Alone. Life Wastes Andy Hardy (1998). 2002 war in der Kunsthalle Wien seine Ausstellung Deanimated zu sehen.

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