"Ich bin gnadenlos romantisch"

30. September 2003, 19:38
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James Walsh, Sänger der britischen Melancholiker- Band Starsailor, über das neue Album "Silence Is Easy" - und mehr

Nach dem Erfolg ihres Debüts "Love Is Here" veröffentlicht die auch hierzulande erfolgreiche britische Melancholikerband Starsailor jetzt "Silence Is Easy". Ein Gespräch mit Sänger James Walsh über Phil Spector, Oasis und die Schwierigkeit, als Popstar einen auszugeben.


Wien – "Als ich damals gehört habe, dass jemand tot in Phil Spectors Haus gefunden wurde, dachte ich: Fuck! Hoffentlich ist es der Sänger von Starsailor."

Der Mann, der hier James Walsh unlängst ein frühes Grab gewünscht hat, ist Noel Gallagher, Gitarrist bei Oasis und als solcher bekannt für derlei "Höflichkeiten". Walsh, aus dem Inselkaff Chorley kommend, verkörpert einen Gegenentwurf zu Oasis. Er ist Sänger des Quartetts Starsailor, und einige Titel des Albums 'Silence Is Easy' (EMI) hat tatsächlich der legendäre Wall-of-Sound-Erfinder Phil Spector (The Ronettes ...) produziert – noch bevor im Februar die Schauspielerin Lana Clarkson tot in seinem Haus aufgefunden und er wegen Totschlags angeklagt wurde.

Walsh: "Spector war ein Held von uns. Nicht zuletzt deshalb, weil er John Lennon produziert hat." Tatsächlich entstanden nur zwei Stücke unter Spectors Ägide, das Titelstück 'Silence Is Easy' und die Ballade 'White Dove'. "Die Zusammenarbeit mit ihm in den USA war sehr inspirierend – das volle Wall-of-Sound-Ding eben. Aber als er dann zu uns kam, war er wie ausgewechselt, schlecht gelaunt und verbittert."

Nach langer Zeit machistischen Posierens im britischen Pop – also solange Oasis "regierte" – zogen vor zwei, drei Jahren Newcomer-Bands mediale Aufmerksamkeit auf sich, die verstärkt auf Romantik und Sensibilität setzten. Die Aushängeschilder dieser "Bewegung" waren mit Travis (neues Album demnächst!) und den aus dem Nichts kommenden Starsailor schnell gefunden: Ein allein in Großbritannien über eine Million Mal verkauftes Debüt kann durchaus als guter Einstieg bezeichnet werden.

Walsh: "Oasis haben ein paar wunderbare Songs geschrieben, aber diese erschienen immer konträr zu dem, was die beiden Brüder verkörperten. Leute wie Fran Healey von Travis und ich, wir sind einfach ganz normale Typen. Ich glaube nicht, ich sei Jesus wie Liam Gallagher. Wir machen Musik um der Musik willen. Dabei scheue ich mich nicht davor, gnadenlos romantisch zu sein. Über Gefühle zu sprechen besitzt einen therapeutischen Wert für mich. Als Starsailor kokettieren wir nicht mit einem Image, sondern versuchen, unsere Musik universell zu halten."

Diese allgemein verständliche Form erschien auf 'Love Is Here' und dem Hit 'Alcoholic' wie aus einem Guss, auch wenn man sich an die zum Überschlag neigende Klage stimme des früheren Kirchenchorknaben Walsh erst gewöhnen musste.

'Silence Is Easy' strebt nach formaler Breite. Dieser Versuch geht teilweise auf Kosten sofortiger Zugänglichkeit. Der Opener des Albums stolpert etwa seltsam eckig daher, und erst mit dem Titelstück verströmen Starsailor jene Erhabenheit, die sie wohl meinen, wenn sie von großem Pop sprechen.

Walsh: "Beim ersten Album gab es keine Erwartungshaltungen an uns. Beim zweiten war das anders. Darum waren wir ständig bemüht, noch besser zu klingen. Die Songs sind schnell entstanden. Ich habe vor allem viel Country gehört. Songs von Gram Parsons, Johnny Cash und Kris Kristofferson – großen Songschreibern eben. Aber man muss aufpassen, diese Leute nicht zu kopieren. Anschließend haben wir lange am Erscheinungsbild des Sounds herum- getüftelt. "

Drogenfreie Raver

Zu den pompösen Arrangements Spectors wurde für 'Silence Is Easy' ein Streichorchester in die Pflicht genommen und verstärkt auf das Piano als melodieführendes Instrument gesetzt. Der definitive Hit, der so entstanden ist, heißt 'Four To The Floor', klingt nach einer drogenfreien Version der Happy Mondays in ihrer Rave-Phase und bedient satt den Dancefloor.

Walsh: "Wir wollten tatsächlich eine Clubhymne wie 'Step On' von den Happy Mondays spielen. Einen Song, den die DJs als Abschlussnummer einer langen Nacht auflegen und zu dem alle noch einmal auf die Tanzfläche kommen."

Wie geht der zurückhaltende, freundliche Mittzwanziger eigentlich mit dem Erfolg um? "Es ist schwierig, weil Pop so oberflächlich ist und mich Leute heute plötzlich danach fragen, was ich anstelle, damit meine Haare so aussehen. Nichts natürlich! Oder: Wenn ich heute im Pub einen ausgebe, wirft man mir Arroganz vor. Tu ich das nicht, bin ich der neureiche Arsch." Die Konsequenz daraus: "Ich bleib meistens zu Hause." (DER STANDARD, Printausgabe, 26.9.2003)

Von Karl Fluch

Starsailor live:

14. November im Wiener Planet Music

  • James Walsh
    foto: emi

    James Walsh

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