"Benutzt wie Disneyland"

1. Oktober 2003, 10:18
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Heftige Diskussion zum "Weltkulturerbe" Wien

Wien - Kontrovers verlief eine prominent besetzte Podiumsdiskussion über die Bedeutung von UNESCO-Weltkulturerbe und Denkmalschutz in der Wiener Innenstadt im Architekturzentrum Wien am Mittwochabend.

Von Architektenseite wurde betont, dass die Stadt sich stetig weiter entwickle und daher moderne Bauwerke wichtig seien. Die Vertreter des Denkmalschutzes plädierten für Bauten, die sich besser in bestehende Ensembles einfügen.

"Touristische Sonderwirtschaftszone"

Der Vorsitzende der Architekturstiftung Österreich, Christian Kühn, kritisierte, dass es keine ausreichenden Strategien gebe, die historische Substanz zu pflegen. Derzeit werde die Innenstadt "benutzt wie Disneyland" und drohe zur "touristischen Sonderwirtschaftszone" zu verkommen.

Die Verleihung des Prädikats Weltkulturerbe für die Wiener Innenstadt werde die Qualität neuer Bauten eher einschränken, meinte er: "Ich fürchte mich vor dem vorauseilenden Gehorsam der Hausherren." Diese würden verleitet, nur mehr mittelmäßige Architektur in Auftrag zu geben, um die Richtlinien nicht zu verletzen.

"Kein Schreckgespenst"

Generalkonservatorin Eva-Maria Höhle vom Bundesdenkmalamt sprach sich auch für moderne Architektur aus, allerdings unter dem Vorbehalt, dass diese sich in bestehende Ensembles einreihen müsse. Bei den meisten Bauten werde die Gestaltung jedoch "primär vom Einzelobjekt aus getroffen". Das Prädikat Weltkulturerbe sei jedenfalls "kein Schreckgespenst" und müsse nicht "auf Punkt und Beistrich" eingehalten werden.

Hans Hollein, Stararchitekt und Vorsitzender des Fachbeirats für Stadtplanung und Stadtgestaltung, gab zu bedenken, dass die Stadt an sich stetiger Weiterentwicklung unterworfen sei: "Das muss man in lebendigen Städten akzeptieren." Ob mit ohne oder UNESCO-Prädikat, sehe er die Stadt als Welterbe. Die Bedeutung der Auszeichnung sah er skeptisch: "Weder kriegt Wien von der Unesco Gelder, noch braucht es diese Mahnung, das Weltkulturerbe verlieren zu können."

Begriff aus dem 19.Jahrhundert

Der österreichische ICOMOS-Präsident Wilfried Lipp kritisierte die zahlreichen Dachausbauten in der Innenstadt. Es gebe eine Architektur, die nach einer gewissen Dachform verlange. Dennoch werde oft zu unpassenden Aufbauten gedrängt: "Es wird immer so getan, es geht überhaupt nichts mehr, wenn nicht dieses Geschoss draufkommt." Auch er meinte, dass Wien auch ohne verliehenes Prädikat Welterbe darstelle. Diesen Status zu pflegen, bedeute in jedem Fall eine kulturelle Verpflichtung und Verantwortung für die Stadt.

Architekturkritiker Friedrich Achleitner brachte Einwände gegen den Ausdruck "Weltkulturerbe" vor: Die ganze Welt sei ein solches Erbe, nicht einige wenige Bauten in einem bestimmten Land. "Dies scheint mir ein Begriff aus dem 19.Jahrhundert zu sein", meinte er. Wie Hollein plädierte auch Achleitner für eine lebendige Stadt, schließlich habe man beim Antrag auf das UNESCO-Prädikat auch mit dem Wandel der Stadt vom Mittelalter bis zum Historismus argumentiert. (APA)

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