Bali Moon

20. Juli 2005, 10:50
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"Sei vorsichtig: In Bali fällt jeder Stein in Trance, hinter jedem Grashalm lauert ein Gott, in jedem Reiskorn steckt ein Weib", warnte ihn die Tänzerin. Ein literarischer Reisebericht.

Die Asiaten wissen immer eine Antwort, selbst wenn die Frage noch so schwierig ist. "Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt", heißt eine alte Weisheit, die sich nur schwer widerlegen läßt. Aber wann machen wir den ersten Schritt? Wenn wir das Reisebüro betreten? Wenn wir ein Ticket kaufen? Beim Studieren einer Landkarte oder eines Guidebooks? Beim Geldwechseln in einem Hotel? Haben wir die Destination vielleicht schon längst in unserer Phantasie erreicht, bevor wir aus einer Boing 777 steigen? Werden wir in unserem Leben möglicherweise von unsichtbaren Mächten ganz sachte an bestimmte Orte herangeführt, an die wir noch nie einen Gedanken verschwendet haben? Tragen wir - zugegeben, das ist eine tollkühne Spekulation - vielleicht schon bei der Geburt all unsere zukünftigen Ziele in uns?

Über solche Fragen denkt man nach, wenn man in Bali ist. Und wenn man an einer Poolbar des Hotels Sol Lovina sitzt, in die untergehende Sonne starrt und dabei zu viele Cocktails mit dem verräterischen Namen "Arrak Attack" trinkt.

Als der österreichische Dramatiker Ödön von Horvath in den Dreißiger Jahren von Wien nach Amsterdam reiste, wartete bereits Paris auf ihn. Als ich vor ein paar Monaten in Amsterdam war, hatte ich schon ein paar Schritte nach Bali gemacht, ohne es zu ahnen.

Horvath suchte in Amsterdam eine alte Zigeunerin auf, die dafür bekannt war, die Zukunft aus den Handlinien ihrer Klienten lesen zu können. Die Frau riet dem abergläubischen Dichter, schnellstens abzureisen und nach Paris zu fahren - dort warte die Entscheidung seines Lebens. Und so war es auch. Kaum in Paris angekommen, wurde Horvath auf den Champs Elysées von einem Ast erschlagen.

Als ich in Amsterdam war, lernte ich in einem Varieté an der Prinsengracht eine balinesische Tänzerin kennen. Sie hatte ihren Körper in Stoffe aus goldenem Brokat gewickelt, sie trug den typischen hohen Kopfschmuck, duftete nach Jasmin und trat zur Belustigung des Publikums mit gespreizten Fingern und rollenden Augen zwischen langweiligen Tanznummern gelangweilter nackter Mädchen auf.

Ich ging jeden Abend ins Varieté, nur um die balinesische Tänzerin auf der Bühne zu sehen, ich bat sie mehrmals zu mir an den Tisch, aber sie wollte sich nicht zu mir setzen. Einmal sah ich sie mit einem russischen Matrosen weggehen, der beim Hinterausgang auf sie gewartet hatte. Und ein paar Nächte später, es war sehr kalt und regnete seit Stunden, stolperte ich in der Kattengatstraße fast über sie. Sie trug ihr goldenes Bühnenkostüm und lag ausgestreckt hinter einer verbeulten Mülltonne auf dem Boden. Als sie mich sah, stöhnte sie und streckte beide Hände nach mir aus, und da sah ich, daß in ihrer linken Armbeuge eine Injektionsnadel steckte.

"Ich erkenne Dich", flüsterte sie. "Ich erkenne Dich. Du bist das Leben." Ich kniete mich neben sie und nahm sie in den Arm, ich wischte den Schweiß und das Regenwasser von ihrem Gesicht und sagte einem Passanten, er solle einen Arzt rufen. "Fahr statt mir zurück nach Bali", keuchte sie, kurz bevor sie starb. "Dort ist der Mond aus süßem Honig, und in manchen Nächten kann man den Mond essen. Aber sei vorsichtig: In Bali fällt jeder Stein in Trance, hinter jedem Grashalm lauert ein Gott, und in jedem Reiskorn steckt ein Weib. Nimm meine Seele mit nach Bali und gib sie im Hulu-Café in Kuta ab. Dort brauchen sie die Seele einer Frau."

Das Heroin hatte ihren Geist fest im Griff gehabt, aber dann war sie frei - und schließlich nahm ich ihre Seele mit nach Bali.

Ich hatte also die Seele einer toten Tänzerin und eine Kreditkarte dabei, als ich mich ins tropische Paradies aufmachte, in dem Benzin billiger als Wasser ist, die Einkommenssteuer 15 Prozent beträgt und die Sonne mittags manchmal im Norden und manchmal im Süden steht. Auch zwei Bücher nahm ich mit auf meine Reise: Den Roman "Liebe und Tod auf Bali" von Vicki Baum und den englischsprachigen Kulturführer "Island of Bali" von Miguel Covarrubias. Sonst nichts. Ohne Gepäck zu verreisen, ist für mich der höchste Luxus, und wenn man die beiden Bücher gelesen hat, weiß man alles, was man über Bali wissen muß - und wie das ist mit den 20.000 Tempeln und den Göttern und Dämonen.

"Das wahre Bali ist eine vibrierende kulturelle Mischung voll glänzender Widersprüche, voll Selbstvertrauen und gleichzeitig voll offener Fragen, wesentlich tiefgründiger und interessanter als das touristische Image der Insel", sagt der Vorarlberger Computerfachmann Olaf, der vor sechs Jahren "eher zufällig" nach Bali kam und nach wenigen Tagen beschloß, seine Firma in Österreich zu verkaufen und sich hier auf ewig niederzulassen - als Wirt des "Restaurant Koki" in Sanur, wo es Wiener Schnitzel, Gulaschsuppe und Kremser Senf zur Burenwurst gibt. "Das größte Problem beim Auswandern", sagt Olaf, "ist, daß man sich selber mitnimmt."

Sicherlich ist es den meisten Urlaubern nicht möglich, während ihres kurzen Aufenthalts das wahre Bali kennenzulernen. Doch das Bild, das sich den Besuchern bietet, stillt ohnehin alle Sehnsüchte und erfüllt darüber hinaus alle Erwartungen. Das Image paßt. Der Mythos funktioniert.

Aber wie kam Bali zu seinem touristischen Image? Wie wurde dieser Mythos von Paradies geboren?

Jahrhundertelang haben Holländer und Engländer mit aller Gewalt versucht, die Balinesen zu unterwerfen und zu kolonialisieren. Doch es gelang ihnen nicht - trotz aller Massaker, die sie anrichteten. Schließlich mußten die Europäer zähneknirschend einsehen, daß sie die Insel nicht in Besitz nehmen konnten wie andere Ländereien, und so beschloß man am Beginn der 20. Jahrhunderts, Bali kurzerhand zum Paradies zu erklären, zu einem Ort überwältigender Magie und übernatürlicher Kräfte, an dem die üblichen Regeln der Welt versagen.

"Bali ist eine verzauberte Insel", sagt der österreichische Hotelmanager Herbert Terenyi, der Wien vor fast zehn Jahren hinter sich ließ und nie wieder in Europa leben will. Das Leben auf Bali ist ein sinnliches Erlebnis, alles sei viel einfacher hier - und mit nichts auf der Welt zu vergleichen. "Tahiti hat den Maler Gauguin mit der Schönheit, mit den Stränden und dem tropischen Klima der Südsee betört, Indien lockt den Reisenden mit seinen östlichen Geheimnissen, seinem Hinduismus; aber im Bild Balis haben sich alle Anziehungskräfte verbunden."

Und Horst Pezetta, Chef der Tourismus-Agentur "Go Vacation Indonesia", der seit fünf Jahren auf Bali lebt, ergänzt: "Die Südsee enttäuscht die Besucher, sie finden es zu teuer dort, durch die Missionare verwestlicht. Indien ist einfach zu groß und zu überwältigend. Aber auf Bali treffen sich Asien und der Pazifik, und es bleibt offen und überschaubar. Die Insel breitet ihren kulturellen Reichtum aus und wartet darauf, von den Touristen genossen zu werden, sobald sie aus den Jets der Fluglinien steigen - egal woher sie kommen."

Nachts machte ich mich auf ins Hulu-Café in Kuta, um die Seele der Tänzerin abzugeben. Große, schlanke, langbeinige Wesen in hautengen Kleidern und mit üppigen Perücken umringten mich, als ich von Amsterdam erzählte. Erst jetzt erfuhr ich, daß die Tänzerin ein Mann war: Ketut, ein Transvestit aus Denpasar, dem ein alter Zauberer bei einem Hahnenkampf geraten hatte, die Insel zu verlassen und nach Amsterdam zu gehen: Dort warte auf ihn die Entscheidung seines Lebens.

In Bali ist der Mond aus süßem Honig. Hinter jedem Grashalm lauert ein Gott ... Wann machen wir den ersten Schritt ans Ziel? (Der Standard, Printausgabe)

Von Georg Biron

Der Journalist und Schriftsteller Georg Biron (Rebellen im Internet, Rot ist die Sünde, Frauen bei Vollmond u.a.) lebt in Wien.

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