Friede, Freude, Reiskuchen

11. Juli 2005, 13:59
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Gelebte Flower-Power. Bali - ein Gesamtkunstwerk. Keine Dritte-Welt-Tristesse. Asiatisches „Sowohl – als auch“ statt westlichem „Entweder – oder“.

Zwei Arten des Führerscheinerwerbs gibt es in Indonesien und so auch auf Bali: Entweder, bemerkt der einheimische Reisebegleiter schelmisch auf einer Ausfahrt ins Kunsthandwerkszentrum Ubud, man macht halt einen Kurs, oder – „Falls dazu keine Zeit bleibt“ – man läßt ein paar Tausend Rupiah springen, und schon kann die legale Fahrt losgehen auf der linken Seite der Straße. Und da gilt dann: „Hati-Hati!“, was wörtlich so viel heißt wie Leber-Leber, aber eigentlich „Vorsicht!“ bedeutet. Korruption wäre dafür ein anderer Name, und derlei Möglichkeiten bieten sich viele: 60 Prozent der arbeitenden Bevölkerung sind Beamte. Und auch Suharto, nunmehriges Ex-Staatsoberhaupt über 200 Mio. Indonesier, machte kein Geheimnis aus dem Nepotismus, den er seit mehr als 30 Jahren zur Schau stellte. Die Ereignisse und die Toten der vergangenen Zeit zeugen vom enormen Volkszorn, der sich angesichts der politischen Zu- und Mißstände entladen hat.

Bali ist anders, auch innerhalb Indonesiens. Die mystische, paradiesische Ferieninsel, die Friedensinsel, gelebte Flower-Power. Kein Wunder, daß das Eiland in der Größe von „Vorarlberg mal zwei“ vor allem in den 60er Jahren das Hippie-Paradies schlechthin war. Der wunderbare Umgang der Menschen miteinander, der hohe Respekt gegenüber Alten und Kindern. Der durch und durch künstlerische Umgang mit allen Dingen, der Kult der Schönheit. Der betörende Duft der allgegenwärtigen Frangipane-Blüte, von Hibiskus und Zitronengras. Der faszinierende, archaische Religionsmix aus Hinduismus, Buddhismus und Animismus.

Dieser „Hindu-Dharma“ stimmt versöhnlich: Die schwarzweiß-karierten Tücher über den – in dieser hohen Luftfeuchtigkeit von Moos schnell überzogenen und derart gealterten – Götterstatuen und die gespaltenen, zweiteiligen Tore allerorts demonstrieren diese Doppelexistenz von Gut und Böse, die es sein Leben lang auszubalancieren gilt: Und sie sollen zeigen, daß nichts auf dieser Welt perfekt und vollkommen ist: asiatisches „Sowohl – als auch“ statt westlichem „Entweder – oder“.

Was besonders ins Auge springt: das unglaubliche Gesamtkunstwerk, das die Balinesen im Einklang mit der Natur schaffen – eine Verbindung von Kunst, Leben, Ritus und Religion. Es sind keine Künstler, sondern Reisbauern, die Kecak-Tänze in den Tempeln zelebrieren, die Reisterrassen in „Land-Art“ verwandeln. Es sind die Frauen und Mädchen, die jeden Morgen an den insgesamt über 20.000 Tempeln der Insel ihre variantenreichen, aus Bambus- oder Kokosblättern geflochtenen Opfergaben ablegen. Zum Feiern gibt es nämlich immer einen Grund. Kaum ein Tag vergeht ohne spezielles Fest, einen Tempelgeburtstag etwa. Kein Wunder in einem Land, wo sogar das Schreibpapier einen eigenen Feiertag besitzt.

Aber nun gibt es auch ein anderes Bali, im Süden, zu Füßen der nach den typischen Umrissen benannten balinesischen „Ente“. Meist mit fünf Sternen ausgezeichnete Touristenghettos wurden aus dem Boden gestampft, künstliche, prachtvolle und massiv beleuchtungstechnisch inszenierte Disney-Dreamlands Marke „international style“, auffrisiert mit einigen lokalen Tänzen. Damit man nicht ganz vergißt, wo der Urlaub gerade stattfindet (die Hotel-Tänze wurden vom Gouverneur ja verboten, aber manchmal ist das auch nur wieder eine Frage von Rupiah). Diese Welten um den Ort Nusa Dua und das geschäftige („Aus- si“-) Surferparadies Kuta haben mit dem Rest kaum etwas zu tun – und das ist auch gut so. So bekommt jeder, was er will. Den Mittelpunkt bildet eine absolut künstliche, architektonisch bedenkliche Mischung aus Shopping Mall und mit gnadenloser vielstimmiger Kakophonie beschallten internationalen Essenslokalen: asiatisches Lignano-Feeling mit einem Schuß Las Vegas. Offensichtlich besteht Bedarf.

Ja die Füße der Bali-Ente: Füße stehen ja sowieso für Balinesen mit dem Negativen im Zusammenhang, da sie direkten Kontakt mit der Erde, den bösen Geistern und Mächten haben. Deshalb darf ein Säugling während seiner ersten 180 Tage die Erde nicht berühren. Deshalb müssen Männer, die das gute mythische Drachenbiest, den „Barong“, tragen und in Trance fallen, sofort vom Boden aufgehoben werden. Das Blut von Tieropfern, das zu Boden rinnt, besänftigt die Dämonen, die besonders auch im Meer wohnen. „Oben“ meint hingegen positiv: Sitz der Götter ist der erloschene Vulkan Gunung Agung, über 3000m hoch, mit meist verhülltem Haupt.

Die Dämonen im Meer, das hat rationale Gründe, wenn man so will. Bis auf wenige Ausnahmen herrschen starke Strömungen, und die Geister wollen die Schwimmer nicht mehr zurückkommen lassen. Bali ist keine ausgesprochen Badeinsel. Dafür allein wäre es auch viel zu schade. (Der Standard, Printausgabe)

Von Doris Krumpl
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