Drei Hühner auf dem Weg nach vorgestern

2. Oktober 2003, 20:30
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Die Chicks On Speed bekennen sich auf "99 Cents" zu alten Werten der Postmoderne: "Subversion durch Affirmation"

Tanzen kann man zu dieser Kapitalismuskritik aber auch, meint Christian Schachinger.


Antimusik, fröhlicher Dilettantismus, Punk, Trash, Rock'n'Roll. Die alte Welle ist die New Wave von heute. The B-52's mit ihrem kindlich-naiven Song For A Future Generation aus 1983 standen hier ebenso Pate wie The Normal mit ihrem morbiden Synthie-Pop-Klassiker Warm Leatherette aus 1978. Soll heißen: Im Kinderzimmer Barbiepuppen köpfen und später im Nachtleben blöden Kerlen zwischen die Beine treten. Ein Minidisc-Player auf der Bühne erspart eine ganze Band. Davor drei wilde Gören, die sich an der Welt brüllend rächen, was alle Beteiligten hörbar sehr freut. Wenn die deutsch-kanadische Elektro-Punk-Heldin Peaches auf ihrem neuen Album, Fatherfucker, den Iggy Pop macht, dann sind die Chicks On Speed dazu der David Bowie.

Zwar singen auch die drei ehemaligen Münchner Kunststudentinnen auf ihrem neuen Album 99 Cents von der Universal Pussy und sind jederzeit dazu bereit, mit ihrem schicken Party-Feminismus auch auf die Straße zu gehen. Im Zweifel aber bewegt man sich lieber drei Etagen drüber in der Kunstgalerie im selbst gebastelten Designermüll-Universum zwischen zusammengeklaubten Ready Mades aus der Musik- und Kunstgeschichte.

Wie schon auf dem Vorgängeralbum Chicks On Speed Will Save Us All aus 2000 hat man sich auch jetzt wieder musikalisch unter anderem von den Wiener Techno- und Elektronik-Veteranen Christopher Just und Gerhard Potuznik auf Kurs setzen lassen. Und dass der eine dreckige Disco-Hadern und der andere derzeit hoch wie nie im Kurs stehende New Wave liebt, solange man mit einer E-Gitarre ordentlich hineinbratzen kann, dürfte den mittlerweile in Berlin residierenden Damen kommerziell nicht zum Schaden gereichen.

Zumal das Thema des neuen Albums nicht nur der böse Kapitalismus ist, sondern die Käuflichkeit an sich. Jeder hat schließlich seinen Preis. Und wenn der zu hoch ist, muss man es billiger geben. 99 Cents betreibt Selbstausbeutung und Ausverkauf offensiv. Man höre etwa den strikt an der inhaltlichen Oberfläche bleibenden Song Fashion Rules oder den mehr oder weniger ohne doppelten Boden arbeitenden Track Shick Shaving, einem Tagtraum von der Modelkarriere. Jedem gelernten Postmodernisten springt bei diesen neuen Songs der Chicks On Speed sofort die alte, gut 20 Jahre auf dem Buckel habende Popstrategie der "Subversion durch Affirmation" ins Gesicht - was nicht unbedingt für eine inhaltliche Weiterentwicklung der bisher immer klug wie unterhaltsam agierenden Künstlerinnen Kiki Moorse, Melissa Logan und Alex Murray-Leslie spricht.

Allerdings zeigt gerade die gemeinsam mit oben erwähnter Peaches eingespielte erste Single, der Disco-Rock-Stampfer We Don't Play Guitars, auf durchaus vordergründige Weise, wie hier gearbeitet wird. Nur weil hier niemand Gitarre spielt, heißt das nicht, dass man nicht eine hören würde. Musik kommt aus der Steckdose. Sie muss längst nicht mehr selbst gemacht werden. Die Revolution kommt aus der Karaoke-Bar. Dort wohnt auch Wordy Rappinghood, der alte Klassiker des Tom Tom Club aus 1981, inklusive Chorbeitrag von Komponistin Tina Weymouth und Inga Humpe, die als Ideal auch einmal Neue Welle war. Man darf gespannt sein, wann die Chicks On Speed musikalisch im Heute ankommen. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.9.2003)

  • Chicks On Speed 99 Cents (Virgin)
    foto: virgin

    Chicks On Speed
    99 Cents
    (Virgin)

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