Ab in die Apokalypse

10. November 2006, 13:36
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Spätsommertage mit apostolischen Ausblicken erlebte Ernst Strouhal auf der Insel der Verbannten in der Ägäis

Das Schild ist einzigartig und weist in eine seltsame Richtung: Apokalypsi 2,2 Kilometer. September, hat Tomás, der Bäcker, gesagt, ist die beste Jahreszeit, außer natürlich Ostern, wenn alles blüht und der Abt im Johannes-Kloster oben am Berg Kuchen und Eier verteilt. Im September erholt sich die Insel von den sommerlichen Verbrennungen, und alles wird wieder still.

Ich hatte mir tapfer vorgenommen, vier Tage lang nur das Nötigste zu sprechen, aber schon am Morgen hatte die mitleidige Freundlichkeit des Bäckers den geschwätzigen Wanderer als einsamen enttarnt. So bleibt man während des Tages am besten in Bewegung, der alte Weg hinauf von Skala nach Chora ist bequem, führt vorbei an Kiefern und Zypressen, von der Aussicht sagt Tomás, es sei die schönste der Welt.

Patmos liegt nahe an der türkischen Küste zwischen Ikaria und Leros - eine schmale, kaum dreizehn Kilometer lange Schnur in Blau, umgeben von unzähligen kleinen Satelliteninseln, die mich an Polynesien erinnern würden, wenn ich je dort gewesen wäre. Orest soll hier Zuflucht gefunden haben, und seit jeher war Patmos eine Insel der Verbannten. Im Jahr 1088 wurde das Kloster des heiligen Johannes gegründet.

Im 16. Jahrhundert übernahmen die Türken Patmos, besiegten die Piraten und blieben jahrhundertelang. 1948 wurde nach der italienischen die griechische Fahne gehisst, heute sieht man im Übrigen mehr europäische als griechische. Die Geschichte von der Abgeschiedenheit der Insel hat sich über die Jahrhunderte in ganz Europa herumgesprochen.

Und so sind, entdeckt man auf halber Höhe, heute über die ganze Insel Einsiedeleien und Miniklöster verteilt. So viele, dass ich mir vorstellen kann, dass die Asketen, Mönche und Nonnen zumindest nach Dienstschluss ein recht geselliges Leben geführt haben. Auch der heilige Johannes war ja so alleine nicht, als Domi- tian den aufbrausenden Fischer nach Patmos verbannte, er hatte den jungen Prochoros mitgenommen.

Das Klima ist mild, aber manchmal stürmt es, ein böiger Wind aus allen Richtungen fegt den Sand durch die Gassen, sodass man im Inneren des Kapheneions am Hafen besser aufgehoben ist als draußen. Wer jetzt nicht zum Lesen kommt, liest nimmermehr. Doch Vorsicht, die Abgeschiedenheit macht anspruchsvoll.

Zwar war vorgesorgt mit einem kaum bezwingbaren Krimi-Kontingent, doch gab mir die Insel rasch zu verstehen, dass sich mein Interesse an fleißigen Killern, die von noch fleißigeren Pathologinnen entlarvt werden, an müden südschwedischen Kommissaren und ihren melancholischen Töchtern in Wahrheit schon daheim erschöpft hatte. Als Notration hatte ich leichtfertig nur Canettis Erinnerungen an seine englischen Jahre mitgebracht, allen Rezensionen zum Trotz. "Ach, besser hätt' ich gehöret", musste sich Odysseus sagen, als er sich vor der Höhle des Polyphem zu spät an die Warnungen seiner Gefährten erinnerte, und das sagte ich auch mir.

Die Alleinreisenden im Café sahen alle aus, als ob sie frisch geschieden wären, mit kleinen Bäuchlein und schweigsamen Handys am Tisch. Und sahen aus, als ob sie schon einmal da gewesen wären, vor zwanzig, dreißig Jahren, mit Rucksack statt mit Reisetasche und ein wenig schlanker. Ich hatte wenig Lust, mich darüber zu unterhalten, dass aus dem frugalen Frühstück von einst - greek kofi und zwei Zigaretten - leider Gottes eine opulente Schweinerei mit Juice und Croissant geworden ist, dass die Katzen heute gefüttert und nicht mehr vom Pier geschubst werden, und wie das so war mit dem Nacktbaden damals.

"Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch", raunt Hölderlin in der patmischen Hymne und tatsächlich, manchmal funktioniert's. Die Verzweiflung des Frühstücks-, Katzen- und Nacktbadegesprächs vor Augen habe ich im Souvenirshop neben dem Café die Offenbarung an Johannes gefunden (oder sie mich).

Und das ist fürwahr keine schlechte Geschichte, besser als jeder Cornwell-Krimi und mit Canetti kein Vergleich. Von pferdegroßen Heuschrecken mit Goldkronen und Menschengesichtern ist da die Rede, vom roten Drachen mit sieben Köpfen und zehn Hörnen, von gleich 200 Millionen Reitern, aber auch vom gläsernen Meer, von der Hochzeit des Lammes und vom Stern der Bitternis.

Und wenn dann der Wind nachlässt, man am späten Nachmittag die Klause des Johannes erreicht, dann kann man sich die Verzückungen des Fischers ganz gut vorstellen. Und den armen Prochoros, den heiligsten aller Assistenten, wie er die wilden Visionen des Meisters getreulich notieren musste. Oben dann das wehrhafte Kloster aus grau-braunem Stein. Von außen abweisend, in hartem Kontrast zu den weißen Häusern von Chora, innen jedoch ein freundliches Labyrinth aus kleinen Kammern, Treppen, Höfen und Arkaden. Und wenn man verbotenerweise eine Absperrung überschreitet, hat man von einem der Dächer den schönsten Blick der Welt. Ohne Zweifel, Tomás. (Der Standard/rondo/26/09/2003)

Anreise: Mit der Fähre von Piraeus in sieben bis neun Stunden (163 Seemeilen). Aktuelle Fährverbindungen unter: www.gtp.gr. Nächster Flughafen in Samos, bei gutem Wetter erreicht man Patmos mit dem Schnellboot in 40 Minuten.
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